Medien : Supermarkt RAI

Bei Italiens Staatssender wollen sich alle Parteien bedienen

Vincenzo Delle Donne

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Vincenzo Delle Donne

Michele Santoro war in seinem Element. Als Gast der „La-7“-Sendung „L’infedele“ machte er seinem Ruf als „linker Polit-Agitator“ alle Ehre. Provozierend fragte der RAI-Journalist, warum der Pirelli-, Telecom-Italia- Mehrheitsaktionär und Eigner des La-7-Kanals, Marco Trochetti Provera, nicht mehr investiere, um den Mediaset-Sendern Konkurrenz zu machen. Wer, wenn nicht Provera, verfüge über die Liquidität dafür? Die Antwort lieferte Santoro selbst: „Berlusconi kann ein Dekret über seine Telecom Italia erlassen, mit dem er Tronchetti Provera und seine Frau Afef auf die Bahamas schickt“.

Solch unverblümte Kritik am mächtigsten und reichsten Mann des Landes kostete Santoro seinen Sendeplatz. Der Polit-Entertainer, der aktuelle politische Themen in unnachahmlicher Manier kontrovers und kompetent aufarbeitete, darf seit Mai 2002 nicht mehr auf Sendung gehen. Santoro ist wie Enzo Biagi, der altehrwürdige Dekan eines unabhängigen Journalismus, Opfer der „Säuberungsaktion“ des letzten RAI-Verwaltungsrates. Berlusconis Vorwurf: Beide hätten im Wahlkampf 2001 die RAI missbraucht. Tatsache ist: Sie hatten gewagt, kritische Sendungen über den Ministerpräsidenten zu machen. Die Sendungen beider Journalisten wurden abgesetzt, obwohl sie ein Stammpublikum von 5 bis 8 Millionen Zuschauern hatten und entsprechend Werbegelder einspielten.

Der Unmut und der Protest unter RAI-Journalisten wächst. Beim letzten Kongress der RAI-Gewerkschaft in Tirrenia knebelten sie sich demonstrativ. Doch die Bilder waren auf keinem RAI-Kanal zu sehen. Information wird jetzt geschönt und in unverfänglichen Häppchen verabreicht. Widersprüche des Landes bleiben unausgesprochen. Mittlerweile werden von den Journalisten in den Redaktionen „Weißbücher“ über die Meldungen geschrieben, die auf Befehl der Chefredaktionen ausgeblendet werden mussten.

Regierungskritisches findet sich paradoxerweise auf Mediaset-Kanälen. „Ich glaube, dass kein anderer in der Lage ist, Berlusconi so viel zu schaden, wie er es derzeit selbst tut“, sagte Antonio Ricci, der auf Canale 5 die satirische Nachrichtensendung „Striscia la Notizia“ produziert.

Von freiem TV-Markt kann derzeit keine Rede sein. Die Mediaset-Sender und die RAI teilen sich 96 Prozent aller Werbeinvestitionen. Nach wie vor gibt es keine Trennung zwischen dem Unternehmer Berlusconi, der seine Wirtschaftsinteressen verfolgt, und dem Ministerpräsidenten, der den Interessen der Allgemeinheit verpflichtet ist. Diesem Umstand müssten die Präsidenten der römischen Kammern, Pera und Casini, Rechnung tragen, wenn sie die Mitglieder des neuen Verwaltungsrats benennen. Zumindest den Präsidenten der RAI soll die Opposition bestimmen. Piero Ostellino, Kolumnist des „Corriere della Sera“ und möglicher Kandidat für den Verwaltungsrat, kommentierte: „Mit dem Wahlsieg der Mitte-Rechts-Koalition hat heute eine große Machtverteilung begonnen, die nicht nur die Linke, sondern auch einige Regierungsparteien betrifft.“ Die Lega Nord von Umberto Bossi reklamiert beispielsweise als Pfründe die Verlegung von RAI Due nach Mailand. Gianfranco Finis Nationale Allianz hingegen will gerade das auf jeden Fall verhindern. Darüber, das wissen alle Akteure, könnte es zu einer Regierungskrise kommen.

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