Medien : "Survivor": Amerikas Antwort auf "Big Brother" ist ein Quotenknüller

Robert von Rimscha

Deutschland hat "Big Brother" hinter sich - Amerika steht der Fernsehknast noch bevor. Premiere ist am 5. Juli, direkt im Anschluss an "Survivor". Das ist die Reality-Show, die die Gemüter der US-Bürger derzeit erregt. Und gleichzeitig das, was Deutschland ab Juli bevorsteht, wenn "Inselduell" auf Sat 1 und später "Expedition Robinson" auf RTL 2 anlaufen. Die amerikanische Erfahrung lässt vermuten, dass die "Big Brother"-Hysterie noch zu steigern ist.

Seit vier Wochen läuft "Survivor" als erste Reality-Show überhaupt auf einem der traditionellen Sender der USA, auf CBS. Das Überlebenstraining im Süd-Pazifik hat bereits eine Sensation geschafft. Der Konkurrent ABC hat den Sendeplatz am Mittwoch abend geräumt, da "Survivor" auf Anhieb jene Spielshow in den Schatten gestellt hat, die Amerika seit dem Vorjahr in ihren Bann geschlagen hat: Regis Philbins "Who Wants to be a Millionaire?"

Die Zuschauerzahlen sind von 15 auf 25 Millionen pro "Survivor"-Episode emporgeschossen - ein Geldsegen für CBS - und mehr Interessierte, als die Konkurrenz zusammen hat. Erstmals seit 1987 führt der TV-Dinosaurier damit auch in der werbeträchtigen Gruppe der 15- bis 49-Jährigen. Ein 30-sekündiger Werbespot kostete vor Ausstrahlungsbeginn 150 000 Dollar, dann 300 000 - jetzt, für die Final-Episoden, 600 000 Dollar (rund 1,2 Millionen Mark).

Die Wiedergeburt von CBS basiert auf Ratten, Schlangen und Monsun-Regen. Oder "Über-Reality", wie in der Zeitung "Philadelphia Inquirer" stand. 39 Tage lang müssen die Freiwilligen auf der malaysischen Mini-Insel Pulau Tiga vor der Küste Borneos ausharren. 16 traten zum Überlebenskampf an; seit Mittwoch sind noch zwölf Kandidaten übrig. Auf Flößen wurden sie vor der Küste ausgesetzt. Reis und Macheten wurden ihnen mitgegeben; und jeder Kandidat durfte einen "persönlichen Luxusgegenstand" mitnehmen. Eine Bibel und ein Tagebuch waren darunter.

Die Teilnehmer sind in zwei Stämmen organisiert, die sich "Tagi" und "Pagong" nennen müssen. Alle drei Tage entscheidet ein Wettkampf, welcher Stamm einen der Seinen von der Insel wegwählen muss. Die Fernsehzuschauer sind, anders als bei "Big Brother", nicht beteiligt. Dafür können sie sich daran ergötzen, wie die Tagis und Pagongs lebende Maden wett-verspeisen, um ihrem Stamm Immunität vor der Rauswahl zu verschaffen, oder Ratten grillen, um endlich einmal etwas anderes als Reis und Früchte zu essen.

Eine Million Dollar erhält der Sieger nach dem Finale am 23. August. Ramona, eine schwarze Chemikerin, wird es nicht sein. Sie wurde am Mittwoch per Stammes-Votum von Pulau Tiga verabschiedet. "Wahrscheinlich nur deshalb, weil ich die ersten zwei Tage über krank war und daher in der entscheidenden Anlaufphase keine Freundschaften schließen konnte", glaubt die gescheiterte Kandidatin.

Ihre ehemaligen Stammes-Brüder und -Schwestern sehen es anders. "Sie war die Faulste", meint Studentin Colleen, die die Abstimmung knapp überlebte.

Als "water-cooler talk" bezeichnen Amerikas Medienmenschen "Survivor". Der Erfolg der Show ist messbar an den Gesprächen, die in Firmenkantinen und am Trinkwassertank im Büro geführt werden. Zwei Themenkreise stehen im Mittelpunkt. Da ist zunächst das bizarre Schwanken zwischen Mitgefühl und Ekel, das die Amerikaner den Insel-Kindern entgegenbringen.

Und dann sind da die Psycho-Duelle der Übriggebliebenen. Greg gehört dazu, ein frisch Examinierter von einer Nobel-Universität, der noch nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, und sich zunächst einer Mitbewerberin zugewandt hat. Greg hatte den Einfall, eine Kokosnusshälfte als fiktives Handy zu benutzen und so seine Mitspieler zu unterhalten. Er war auch der erste, der sich ins Schlammbad getraute. Oder Susan, Truckfahrerin und Lästermaul ihres Stammes. Sean, ein Arzt, hat sich durch Kuriosa wie den Bau einer Kegelbahn am Strand hervorgetan, in der leere Kokosnüsse die Kugeln ersetzen. Dirk ist ein junger Landwirt mit Kuhhaltung und fundamentalistisch-christlicher Weltanschauung. Richard ist Personalberater, schwul und der einzige, der vor den Abwahlen offen Werbung in eigener Sache betreibt. "Schmeißt mich nicht raus - ich bin der beste Fischer!", plädierte er vergangene Woche.

Zwei der drei Kandidaten im Rentneralter und eine recht passive Juristin waren die ersten drei Wahl-Opfer. Ein Ex-Soldat ist noch übrig, ebenso ein Basketball-Trainer. Natürlich laufen in den USA Wetten, wer das parallele Gruppen- und Einzelduell gewinnen wird, doch der Nervenkitzel beim Zuschauen hat weniger mit Wahlentscheidungen oder Psycho-Streitigkeiten zu tun als mit der "Spiel ohne Grenzen"-Atmosphäre, die die Produktionsfirma den Insulanern verordnet hat.

Da müssen Hindernis- oder Staffelrennen gewonnen oder Schatztruhen mit einer alles entscheidenden Schwimmbrille im Innern vom Meeresgrund gehoben werden. Wenn die Nachtsichtkamera nicht gerade zeigt, wie die Ratten wieder das gemeinsame Lager unter ein paar Palmwedeln am Strand überfallen, sind die Überlebens-Kandidaten mit der Essenssuche oder der fiktiven Bergung ihrer Mitspieler beschäftigt, um durch einen Spielsieg erneut der Abwahlzeremonie zu entgehen.

Wer beides verliert und die Insel verlässt, taucht am nächsten Morgen live im Frühmagazin von CBS auf. Dieses ist dadurch ebenfalls auf Rekordquote katapultiert worden. Die nächste Staffel wird im Herbst gedreht - im australischen Hinterland. Mit Schlangen und Skorpionen statt Ratten und Maden.

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