Medien : Swing als Grundrecht

Deutschlands ältestes Jazz-Magazin wird 50, weil ein Gymnasiast mal von der Schule flog

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Von Johannes Völz

Es ist ein Jubiläum, das mit einer Suche beginnt. Der Suche nach dem Anfang. Das „Jazz Podium“, Deutschlands ältestes Jazz-Magazin, gibt es in diesem Monat seit 50 Jahren. Nur leider scheint die erste Ausgabe vom September 1952 begraben zu liegen unter Stapeln von Papier, Plattenhüllen und Schreibmaschinen-Bändern.

Oder, und das ist noch wahrscheinlicher: Die erste Ausgabe ist nie erschienen. Denn alles, was sich aus jenem Monat auftreiben lässt, ist eine Nummer der in Wien verlegten Zeitschrift „Das internationale Podium“. Ein Magazin für Film und Filmmusik, das seit etwa 1950 durch eine Beilage ergänzt wurde: die offiziellen Mitteilungen der Deutschen Jazz-Föderation. Deren Präsident war Dieter Zimmerle, ein Radio-Journalist und Jazz-Besessener aus Stuttgart. An seinem Schreibtisch entstanden die Mitteilungen, und irgendwann vor etwa 50 Jahren war er plötzlich Herausgeber und Chefredakteur des „Jazz Podiums“. Zimmerle hatte allen Grund, jene September-Ausgabe des „Internationalen Podiums“ als Start-Nummer des „Jazz-Podiums“ auszugeben. Der Jazz dominierte das Heft von vorne bis hinten. Von der Umschlagseite lächelte der Swing-Schlagzeuger Gene Krupa ein Filmstar-Lächeln. Das Foto hatte Krupa handsigniert, fein abgestimmt auf die Eleganz seines Smokings: „For Podium, most sincerely, Gene Krupa“.

Es hätte auch nicht weiter überrascht, wenn Krupa die Widmung direkt „an Dieter“ gerichtet hätte. Denn Zimmerle übernahm anfangs so gut wie alle Aufgaben selbst. Damals wie heute galt: Für die Arbeit am „Jazz Podium" gibt es kein Geld. Zimmerle, der Überzeugungstäter: Er schrieb damals einen offenen Brief an die Hörfunkanstalten, in dem er prominentere Sendeplätze für den Jazz forderte. Hauptargument war das Beispiel eines Gymnasiasten. Weil der es sich nicht nehmen ließ, nachts Swingsendungen im Radio zu hören, erschien er selten pünktlich zum Unterricht - und flog von der Schule.

Zimmerles Engagement belegt die politische Aufladung des Jazz zu jener Zeit. Er forderte den Zugang zum Jazz ein, als handele es sich um ein Grundrecht. Etwas, das die Nazis verboten hatten und das seit Kriegsende wie keine zweite Kunstform mit Freiheit und Demokratie verbunden war, konnte man nicht ein zweites Mal verwehren.

Doch Zimmerle, der das Magazin bis zu seinem Tod 1989 leitete, verstand es, nicht nur Emotionen zu bedienen, sondern sein Heft zu einer Service-Einrichtung zu machen. So druckte er neben Interviews und Plattenkritiken akribisch gesammelte Konzert- und Radiotermine. Eigentlich hielt er damit am ursprünglichen Konzept seiner Beilage für das „Internationale Podium“ fest, doch er erreichte nun mehr Leser. Nach einer Startauflage von 20 000 Stück hat sich die Zahl in den letzten Jahrzehnten bei 12 000 stabilisiert, 8000 Exemplare gehen an Abonnenten.

Das „Jazz Podium“ hatte sich als inoffizielles Organ der Jazzszene etabliert. Das gelang auch deshalb, weil das Semi-Professionelle beim „Jazz-Podium“ immer den Charme des Familiären erweckte. Der Pianist Wolfgang Dauner etwa – einer der berühmtesten deutschen Jazzmusiker – ließ sich 1964 in einer Plattenkritik zu einem Verriss des Free-Jazz-Pioniers Ornette Coleman hinreißen: „Der Drang nach musikalischer Freiheit in Ehren, aber so ganz ohne Aufbau und Orientierung verliert das Musizieren meiner Meinung nach seinen Sinn.“ Nach Zimmerles Tod übernahm die Radiojournalistin Gudrun Endress die Redaktion. Sie hatte sich schon 1955, mit 14 Jahren, als Korrekturleserin in der Redaktionsstube eingelebt.

Veränderungen am Konzept des Heftes hat die 61-Jährige bisher abgelehnt. Das Layout sieht heute noch aus wie 1982. Und das, obwohl das Magazin in den letzten zehn Jahren modern gestaltete Konkurrenz bekommen hat, erst von „Jazzthetik“ (Auflage: 15000), dann von Jazzthing (Auflage: 26000). „Wenn Sie jeden Monat ein Jazzmagazin herausbringen, können Sie das bisschen Geld nicht für die grafische Gestaltung ausgeben.“ Vielleicht geht Endress’ Strategie auf. Zwar ist das Magazin heute alles andere als hip. Aber in Musikerkreisen gilt es noch immer als das, was es schon vor 50 Jahren war: als unverzichtbares Mitteilungsblatt der deutschen Jazzgemeinde.

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