Syrien : Gefährlicher Job

Ein Internet-Radiosender kämpft für ein Syrien ohne Gewalt. Was das bedeutet, hat der Journalist Monis Bukhari schon am eigenen Leib erfahren müssen.

Gesa Steeger
Baladna.fm Screenshot: Tsp
Baladna.fmScreenshot: Tsp

Anfang letzter Woche stürmten zehn bewaffnete Männer die Sendeanlage in Yabroud, legten den Transmitter lahm und drohten den Mitarbeitern sie umzubringen, sollte Baladna FM weiter auf Sendung bleiben. „Wir vermuten, das waren Leute von der radikal islamistischen Organisation ISIS“, sagt Monis Bukhari. Die Terrororganisation kämpft für einen islamischen Staat in Syrien und gegen jeden, der sich diesem Ziel in den Weg stellt. Es könnte aber auch eine Splittergruppe der Freien Syrischen Armee gewesen sein. Eine der gemäßigteren Rebellenmilizen in Syrien und erbitterter Gegner des Assad Regimes. „Alle Kriegsparteien wollen, dass wir aufhören zu senden. Egal, ob sie für oder gegen das Assad-Regime kämpfen.“

„Baladna“, dass bedeute auf Arabisch so viel wie „unsere Heimat“, sagt Bukhari, während er in einem Kreuzberger Café in seinem Milchkaffee rührt. Gemeinsam mit anderen syrischen Aktivisten gründete der 36-jährige Journalist im August 2012 den Radiosender Baladna FM. Seit der Revolution 2011 sei die syrische Gesellschaft zersplittert. 65 Prozent der syrischen Bevölkerung sind auf der Flucht. Die verschiedenen syrischen Volksgruppen ringen ebenso um Macht und Einfluss wie religiöse und politische Organisationen aus dem In- und Ausland. Baladna FM sei einerseits aus dem Wunsch entstanden, Syrer in aller Welt miteinander zu verbinden. Andererseits sei der Radiosender ein Versuch, eine Brücke zwischen den Konfliktparteien zu bauen. „Wir lassen alle zu Wort kommen. Auch wenn wir damit auf Ablehnung und Gewalt stoßen – vonseiten der Opposition und vonseiten des Regimes.“

Fünf Stunden täglich

Fünf Stunden Programm produziert Baladna FM täglich. Rund 30 ehrenamtliche Reporter berichten regelmäßig aus Syrien und den angrenzenden Ländern. Aufgenommen wird mit dem Smartphone. Später werden die Beiträge auf einen Server geladen und zu einem Radioprogramm gemischt. Die Themen der Beiträge? „Bombenangriffe, Hunger, Scharfschützen und Tod.“ Das sei „der Alltag der meisten Syrer in diesen Tagen“, sagt Bukhari. Baladna FM begegne dieser Lebensrealität mit so viel Normalität wie möglich. Im Programm stehen Musiksendungen, Beiträge über Frauenrechte oder aktuelle Nachrichten. Aber auch Alltagstipps werden gesendet: Was mache ich bei einem Bombenangriff? Wie gehe ich mit traumatisierten Kindern um? Wie verarzte ich eine Schussverletzung? Wie organisiere ich eine Flucht?

Unterstützt wird Baladna FM dabei von der deutschen Bundesregierung. Fünf Ukw-Transmitter ließ das Auswärtige Amt 2013 nach Syrien bringen. Seither sendet Baladna FM nicht nur online über die Internetdienste Soundcloud und Youtube, sondern auch über Ukw-Rundfunk. Zwischen 3000 und 7000 Zuhörer verfolgen täglich das Programm von Baladna FM. Die meisten davon online. Für viele Menschen in Syrien sei Baladna FM die einzige Möglichkeit an unabhängige Informationen zu kommen, sagt Monis Bukhari: „Die offiziellen syrischen Medien dienen dem Assad-Regime als Sprachrohr.“

In Syrien ist unabhängiger Journalismus zum Erliegen gekommen. Professionelle unabhängige Journalisten sind entweder geflohen oder untergetaucht. Ausländische Berichterstatter werden immer seltener nach Syrien geschickt. Diese Lücke füllten die sogenannten Bürgerjournalisten, erzählt der Aktivist. Meist junge Leute, die Videos auf Youtube hochladen und Nachrichten über Internetdienste wie Facebook oder Twitter verbreiten. Doch Pressefreiheit ist nicht gerne gesehen in Syrien. Wer trotzdem berichtet, geht ein hohes Risiko ein: Laut einer Studie der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ leben Journalisten in Syrien momentan am gefährlichsten.

Was das bedeutet, hat Monis Bukhari am eigenen Leib erfahren. Weil der Journalist Informationen an ausländische Zeitungen weitergab, klagte ihn das Assad- Regime 2011 wegen Landesverrats an. Im letzten Moment gelang es Bukhari gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter zu fliehen. Seit September lebt Bukhari in Berlin. Immer wieder werden Mitarbeiter von Baladna FM in Syrien verhaftet oder verschleppt. Im Jahr 2013 musste ein Mitarbeiter sein Engagement mit dem Leben bezahlen. Trotzdem macht das Baladna-Team weiter: „Wir alle wollen, dass es mit unserer Heimat wieder aufwärtsgeht. Das ist unsere einzige Hoffnung.“

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