Medien : Szenen einer Scheinehe

Die Kritiker waren entsetzt, doch die ARD stellt weitere Einsätze in Aussicht Wir befragten Paartherapeut Ulrich Clement zur Zukunft von Waldi und Harry

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Dass „Waldi und Harry“ nicht besonders unterhaltsam ist, liegt nicht daran, dass Waldemar Hartmann und Harald Schmidt ein schlechtes Paar wären. Sie sind gar kein Paar – auch wenn die Sendung so verkauft wird. Paare haben immer Binnenregeln, ein gemeinsames Drittes. Und bei schlechten Paaren ist dieses gemeinsame Dritte die Sorge, vielleicht um ein Kind, das Problem, der Streit. Das guckt man sich in Paarkrisen vielleicht mit Entsetzen an, aber es besteht kein Zweifel, dass es sich um ein Paar handelt. Hartmann und Schmidt sind zwei Einzelne. Von der offensichtlichen Struktur her ist Hartmann der Dominante, er macht die Ansagen und Absagen. Schmidt erscheint erst wie die Frau in der Show. Das stimmt aber nicht. Dazu müsste ein Bezug zu Hartmann da sein.

Hartmann und Schmidt sind zwei Alphamänner, die sich einfach die Redezeit aufgeteilt haben. Das Gute an zwei Alphamännern ist, dass sie sich in die Konkurrenz hineintreiben. Fad ist die Sendung nicht. Paarwissenschaftlich ausgedrückt: Sie sind gegenseitige Beschleuniger, aber sie verbindet keine Freundschaft. Ich würde mich extrem wundern, wenn Schmidt sagen würde: „Waldi, komm doch mal vorbei, wenn du in Köln bist.“

Sie interagieren nicht einmal, sondern haben nur eine Territorialabsprache getroffen. Es gibt einen zuverlässigen Nichtbezug auf das, was der andere vorher gesagt hat. Schmidt setzt immer neu an. Kein gegenseitiges Unterbrechen oder Necken wie bei Gerhard Delling und Günter Netzer. Netzer ist nach Dellings Frotzeleien oft eine Prise verlegen, aber nur eine Prise, und das hat seinen Charme. Bei einem Paar muss der Einfluss des einen auf das Verhalten des anderen erkennbar sein. In „Waldi und Harry“ stellt Hartmann den gleichen Typ schulterklopfender Suggestivfragen, die er immer stellt. Und Schmidt sitzt an seinem Schreibtisch und scheint zu denken: Wenn der da drüben ruhig ist, kann ich ja wieder. Fast ein bisschen so, wie man mit einem Partner umgeht, mit dem man sich eigentlich in der Öffentlichkeit nicht zeigen will, aber jetzt hat man ihn schon geheiratet. Der Vertrag läuft bis zum Ende der Olympischen Winterspiele, und den will man mit Anstand erfüllen. Schmidt weiß, wenn er in die Rivalität zu Hartmann ginge, würden beide verlieren, deshalb tut er es nicht.

Letztlich hat sich Hartmann Schmidt einverleibt. Sport ist sein Heimspiel. Schmidt macht das Auswärtsspiel, sein Schreibtisch steht am Rand. Bevor Schmidt dran ist, sagt Hartmann sinngemäß ,Jetzt wird es lustig‘ und zwingt damit Schmidt, vorauseilend zu lachen. Damit wird jede Überraschung, die kommen kann, eingemeindet. Hartmann hat Schmidt domestiziert. Schmidt macht das, was er am schlechtesten kann: Interviews führen. Er lässt das bleiben, was er am besten kann: aus dem Ärmel geschüttelte Frechheiten. Es gibt im Englischen ein Sprichwort: Gravity wins. Schwerkraft gewinnt immer. Hartmann ist die Schwerkraft und zieht Schmidt runter.

Am besten würde zu Hartmann eine Komplementärfigur passen, die sich ihm unterwirft und ihn in seiner bräsigen Männlichkeit bewundert. Sexistisch gesagt: Alle Blondinen-Varianten würden gehen. „Waldi und Harry“ war auch komplementär gedacht. Die Sendung sollte eigentlich eine Konfliktdramaturgie verfolgen, und das wäre auch ihre Rettung. Wenn Waldi sagen würde: „Harald, du Spinner.“ Und Schmidt: „Waldi, schwafel nicht so.“ Aber so ein Rollenspiel erfordert Selbstdistanz, und die hat Hartmann nicht. Die zweite Möglichkeit, dass beide noch ein Paar würden, ist, dass Schmidt sich ironisch unterwirft. Das kann er aber auch nicht, weil er selbst ein Alphamann ist. Ich habe während Olympia keine Entwicklung in ihrem Verhältnis gesehen. Die beiden werden kein Paar mehr.

Ulrich Clement ist Professor für medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg und Paartherapeut.

Protokoll: Barbara Nolte

Die vorerst letzte Ausgabe von „Waldi und Harry“ läuft heute um 23 Uhr 25 . Die ARD erwägt eine Fortsetzung zur Fußball-WM.

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