Tag der Entscheidung : Bis zur letzten Frequenz

Oldiestar statt Radio Paradiso: Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg muss ihre Entscheidung begründen und Kritiker besänftigen.

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Unterm Kreuz. Radio Paradiso sieht sich als christlichen Sender. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Unterm Kreuz. Radio Paradiso sieht sich als christlichen Sender. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) hat verschiedene Aufgaben. Eine davon ist die Vermittlung von Medienkompetenz, und die will die Institution künftig im Medienkompetenz- und Ausbildungszentrum in Potsdam-Babelsberg vermitteln – am Dienstag ist Richtfest. Vor dem Festakt wird sich der Medienrat allerdings mit einem weniger erfreulichen Thema befassen. Wie muss die Neuvergabe der Berliner Hörfunkfrequenz 98,2 an den bislang über UKW nur in Brandenburg zu empfangenden Sender Oldiestar juristisch wasserdicht formuliert werden, wenn damit zugleich dem christlichen Sender Radio Paradiso im November die Geschäftsgrundlage entzogen wird?

Radio Paradiso, seit Februar 1997 im Markt, geriet als spendenbasierter Sender schnell in wirtschaftliche Schwierigkeiten und änderte das Konzept mit Billigung der Medienanstalt in ein kommerzielles, werbefinanziertes Radio. Zudem holte Geschäftsführer Matthias Gülzow noch die Stationen Jazzradio, JamFM und SenderKW ins Berliner Radiohaus, um die Programme besser vermarkten zu können. Im November auf andere Übertragungswege wie Mittelwelle, das Kabelnetz oder den DVB-T-Radiokanal auszuweichen, falls die Medienanstalt bei ihrer Haltung bleibt, ist für Gülzow keine Option. „Einen Plan B habe ich nicht in der Schublade“, sagte er dem Tagesspiegel. Der Gang vor Gericht ist angekündigt.

Kann es einen Plan B geben? Radio Paradiso strahlt außer in Berlin auf UKW 98,2 in Brandenburg über die Frequenzen 90,4, 95,5 und 105,9 entlang der deutsch-polnischen Grenze aus. Ein Weitermachen ausschließlich in der Mark scheint wirtschaftlich untragbar, da sind die „Platzhirsche“, das private BB Radio und die RBB-Welle Antenne Brandenburg, vor. Es braucht den Ballungsraum, den Hörer- und Werbemarkt Berlin. Genau da will das Oldiestar von Oliver Dunk hin. Offiziell freut sich die Radioszene auf eine Belebung des Geschäftes, inoffiziell wird das Musikformat – das Distinktionsmerkmal werbetragender Programme – gemischt aufgenommen. Oldiestar steht wie Radio Paradiso für Soft AC (Adult Contemporary), Berliner Rundfunk 91,4 und Spreeradio 105,5 setzen auf Oldie-based AC. Da braucht es feine Ohren.

Die Entscheidung pro Oldiestar hat der Medienrat bereits am 10. Mai getroffen, die Begründung blieb jedoch vage. „Der Medienrat hat nun nach Würdigung der gesetzlichen Kriterien unter angemessener Berücksichtigung des Interesses des bisherigen Veranstalters an der Fortsetzung des Sendebetriebes dem Antrag von Oldiestar den Vorzug gegeben“, hieß es. Die kommerzielle Ausrichtung, aber vor allem der stark gesunkene Wortanteil missfiel dem Medienrat, der das christliche Profil von Radio Paradiso bedroht sieht. Vor allem eine Erhebung über das Berliner Radioprofil von 2008 sprach gegen den Sender. Von drei Stunden ging der Wortanteil laut dieser Studie auf 72 Minuten zurück. Seither hat sich dieser Wert erheblich verbessert. In der MABB-Studie zu den Radioprofilen in Brandenburg stellte Lothar Wichert fest, dass sich beim selbst ernannten „Wellness-Sender“ mit seinen „Gedanken zum Auftanken“ einiges zum Positiven verändert hat.

Dass Musik und Wort harmonieren können, zeigte aber auch der Sender Oldiestar. So konstatierte Wichert unter anderem, dass Oldiestar „immer noch an der Spitze beim Umfang Wort“ steht, wobei Gewinnspiele und Call-In-Elemente inzwischen praktisch verschwunden sind. Wichert hat für Oldiestar einen Wortanteil von fast 24 Prozent gemessen, Radio Paradiso lag bei 12,8 Prozent – wobei wegen Krankheitsfällen und Fortbildungen nur die Hälfte der sonst produzierten Wortsendungen erfasst wurden, wie Geschäftsführer Gülzow betont.

Der Lobby-Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), dem Radio Paradiso wie Oldiestar angehören, kritisiert die MABB-Entscheidung. In einem Schreiben von Geschäftsführerin Ursula K. Adelt an die Behörde heißt es mit Blick auf die Lizensierungspraxis: „Das Damoklesschwert der nur befristeten Zulassung führt zu gravierender Rechts- und Planungsunsicherheit für die privaten Unternehmen.“ Bei Radio Paradiso werde über die Existenz eines Unternehmens entschieden, das sich seit 14 Jahren im Markt bewährt und bislang keine Gesetzesbrüche geleistet habe. Adelt sieht eine Lösung, wie sowohl Radio Paradiso als auch Oldiestar senden könnten. Es gäbe umfassende Möglichkeiten, diese Stationen aus dem „großen Frequenzreservoir“ des öffentlich-rechtlichen RBB zu versorgen.

Nach der MABB-Entscheidung hat sich eine breite Unterstützergruppe für die Erhaltung des christlichen Senders ausgesprochen, die weit über die bei Radio Paradiso engagierten Kirchenkreise hinausgeht. Zu ihr gehören unter anderem der CDU/CSU-Faktionsvorsitzende im Bundestag, Volker Kauder, und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Sie alle wenden sich gegen den Verlust einer besonderen Farbe im Radio-Einerlei.

Ernst Elitz, der frühere Intendant des Deutschlandradios, vertritt eine andere Meinung: „Radio Paradiso hätte sich die ganze Bredouille erspart, wenn es täglich so viel Religiöses gesendet hätte wie der durchaus nicht fromme Deutschlandfunk oder das katholische Domradio zu Köln.“ Die evangelische Kirche sollte die Zuschüsse lieber in ein attraktives Internetmagazin stecken, „das den Jungen klarmacht: Die Kirche hat mehr zu bieten als Mainstream-Musik und Kirchentags-Pop. Der liebe Gott wird’s ihnen danken“.

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