Tagesschau-Jubiläum : "Bohlen würde ich machen"

"Die 'Tagesschau' ist eines der letzten großen Lagerfeuer dieser Gesellschaft, um die man sich abends versammelt". "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke spricht im Interview über 20.000 Sendungen, Revolutionen, 3D und Apps.

Sie ist "die Mutter aller Nachrichtensendungen" in Deutschland: die "Tagesschau" abends um acht. Am Silvesterabend 2010 wurde das Aushängeschild der ARD zum 20.000. Mal ausgestrahlt. Das öffentlich-rechtliche Flaggschiff hat Moderatoren und Sprecher hervorgebracht, die praktisch jedem Deutschen vertraut sind.Weitere Bilder anzeigen
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11.09.2012 10:40Sie ist "die Mutter aller Nachrichtensendungen" in Deutschland: die "Tagesschau" abends um acht. Am Silvesterabend 2010 wurde das...

Herr Gniffke, machen Sie am Freitag eine Ausnahme und lassen zum Jubiläum der 20 000. „Tagesschau“-Ausgabe vor der Kamera die Korken knallen?

Das würden wir niemals tun, denn wir wollen immer komplett bei Sinnen sein, wenn wir die Menschen über das Tagesgeschehen informieren. Wenn es aber die Ereignislage zulässt, gönnen wir uns am Ende einen kleinen Rückblick auf 20 000 Sendungen.

Und dazu ein Facelift, ab 2012 planen Sie 3D-Filme, Touchscreens – und einen Moderator, der ins Studio gebeamt wird?

Nein, die „Tagesschau“ ist kein Platz für Revolutionen, alles, was hier passiert, passiert in kleinen Schritten. 3D ist eine Technik, die das Erste irgendwann vielleicht einführt, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir werden künftig auch kein virtuelles Studio nutzen…

…wie es ihre Kollegen von „heute“ und „heute-journal“ im ZDF tun.

Wir setzen auf ein reales Studio. Alles, was die Menschen bei uns sehen, gibt es wirklich. Wenn ein Moderator auf einer Projektionsfläche etwas zeigt, dann ist die auch tatsächlich da. Auch werden die 20-Uhr-Nachrichten weiterhin eine Sprechersendung bleiben, an der ein Mensch an einem Tisch steht und das wichtigste des Tages in 15 Minuten vorträgt.

Warum ist die „Tagesschau“ kein Ort für Revolutionen?

Dass die Menschen uns als verlässlich und glaubwürdig einschätzen, hängt auch damit zusammen, dass wir nicht jedem Trend hinterherrennen. Die „Tagesschau“ ist eines der letzten großen Lagerfeuer dieser Gesellschaft, um die man sich abends versammelt. Da sollte es keine großen Brüche geben. Modernisierungen führen wir deshalb sehr abgewogen durch, im Kern bleibt die „Tagesschau“ immer das, was sie ist. Das trägt sich über Generationen hinweg jetzt schon fast 60 Jahre lang.

Die „Tagesschau“ könne man auch in Latein vorlesen und die Leute würden aus Gewohnheit trotzdem einschalten, hat der frühere RTL-Chef Helmut Thoma mal gesagt.

Ich halte das für eine sehr schlichte und arrogante These, dass zehn, elf, zwölf Millionen Menschen abends einschalten, nur weil es 20 Uhr ist. So blöd sind Zuschauer wirklich nicht.

Ist es im Vergleich zur 10 000. Sendung 1983 heute schwieriger, die wirklich relevanten Nachrichten herauszufiltern?

Mit Sicherheit, denn die Zahl der Quellen hat sich vor allem durch das Internet vervielfacht. Aber man muss genau aufpassen, denn es wird viel voneinander abgeschrieben. Zudem liefern sich die Agenturen untereinander eine Materialschlacht. So gibt es zwar mehr Quellen, nicht aber unbedingt mehr Informationen über ein Ereignis.

Aber der Filter funktioniert offenbar nicht immer. Ärgern Sie sich noch, dass Sie 2004 den Unfall des Sängers Daniel Küblböck mit einem Gurkenlaster vermeldeten?

Das war Vorsatz, auch wenn ich eine Zeit lang dachte, dass es vielleicht doch nicht so richtig war, die Meldung zu bringen. Aber dass mich mein journalistisches Gespür nicht getrügt hat, zeigt, dass ich heute noch immer darauf angesprochen werde. Küblböck war damals das Symbol des neuen Castingshow-Genres und ist heute wohl der einzige „DSDS“-Teilnehmer, der nachhaltig in Erinnerung geblieben ist.

Würden Sie es auch melden, wenn Dieter Bohlen morgen in einen Gurkenlaster kracht?

Ja, Bohlen würde man natürlich machen - aber es ist auch immer die Frage, wie. N24 hat damals die Pressekonferenz der Küblböck-Ärzte live übertragen. Wir melden vermischte Themen stets am Ende, kurz und nüchtern.

Ein bisschen Spaß darf auch in der „Tagesschau“ sein?

Wir wollen keine unterhaltsame Sendung machen. Aber es darf nicht so sein, dass zehn Millionen „Tagesschau“-Zuschauer am nächsten Tag die Uninformierten sind und nicht wissen, worüber die Menschen gerade in der Mittagspause reden.

Neuerdings können sich die Leute auch per „Tagesschau“-App auf ihren Smartphones und Tablet-PCs informieren.

Es ist ein Weg, den Menschen immer und überall zumindest die Chance zu eröffnen, die Nachrichten nach „Tagesschau“-Art zu nutzen. Wer sich heute unsere Website tagesschau.de auf einem Smartphone anguckt, wird wenig Spaß haben, denn was sie dann sehen, erinnert mehr an einen Sehtest als an Nachrichten. Das wir mit der App nun eine optimierte Aufbereitung bieten, halte ich nicht für besonders verwegen, sondern für selbstverständlich.

Das sehen die deutschen Verleger anders. Sie kritisieren die durch Rundfunkgebühren finanzierte App als massive Marktverzerrung zulasten der privatwirtschaftlichen Presse.

Seit der Veröffentlichung ist die öffentliche Diskussion um die Tagesschau-App sehr viel ruhiger geworden. Jeder kann nun sehen, dass dort nur die Dinge angeboten werden, die es schon seit mehr als zehn Jahren bei tagesschau.de gibt.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

Kai Gniffke ist Erster Chefredakteur von ARD-„aktuell“ mit Sendungen wie „Tagesschau“, „Tagesthemen“, „Wochenspiegel“ und „Nachtmagazin“ sowie der Website tagesschau.de.

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