Medien : Talent zum Töten

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Tom Peuckert verrät, was

Sie nicht verpassen sollten

Die Identität des Menschen, schreibt der Soziologe Niklas Luhmann, wird im Kopf hergestellt. Der Kopf konstruiert eine Ganzheit, damit das Denken etwas hat, an das es sich klammern kann. Die Kunst aber interessiert sich traditionell für jenen Moment, an dem diese Identität in die Krise gerät. Wenn die eben noch glaubwürdige innere Ganzheit einer Person plötzlich auseinander bricht und die Bruchstücke untereinander in Streit geraten. Dostojewskis Roman „Der Doppelgänger“ ist dafür ein berühmtes Beispiel. Der Petersburger Kanzleibeamte Goljadkin sieht sich eines Tages mit einem leibhaftigen Doppelgänger konfrontiert. Ein frecher Kerl, der sich überall vordrängelt und den eigentlichen Goljadkin langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt. Wer ist dieser Andere? Ein abgespaltenes und zu Fleisch gewordenes Identitätsfragment? Ein Gespenst der frühen Massenkultur? Ein göttlicher Schabernack? Der zwischen hochfliegenden Träumen und einer mausgrauen Realität zerquälte Goljadkin findet keine Antwort. Wenn Sie miträtseln wollen, empfehlen wir die schöne Hörspieladaption des Dostojewskischen Romans (Deutschlandfunk, 20. März, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Auch die junge Grace, Hauptfigur in Jen Sacks amüsantem Krimi „Nice“ , ist eine Frau mit brüchiger Identität. Die attraktive New Yorker Journalistin schafft es einfach nicht, sich gegen das Begehren der Männer abzugrenzen. Sie will zu ihnen nett sein und ihre Gefühle nicht verletzen, was regelmäßig zu emotionalen Nötigungen und Beinahe-Vergewaltigungen führt. Dann allerdings neigt Grace zu äußerst radikalen Methoden, ihre beschädigte Freiheit wiederherzustellen. Mit leichter Hand gelingen ihr ein paar perfekte Morde. Bis sie von Sam beobachtet wird. Sam ist Profikiller und kann sich über das unbesonnene Naturtalent nur wundern (Deutschlandradio, 22. März, 19 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Wie zeitgenössische Hirnforscher über Identität denken, erfahren Sie in der Sendung „Die Welt im Kopf“ . Der Neurophysiologe Wolf Singer gibt Auskunft über die letzten Erkenntnisstände seiner Disziplin. Singer hat sich mit philosophischen Essays zur Hirnforschung einen Namen gemacht. Natürlich geht es auch um die spannende Frage, ob eines Tages ein Heilmittel für all die zerbrochenen Identitäten zu erwarten ist (Kulturradio, 25. April, 22 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

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