Medien : Talibane des Schlagers

Warum die „taz“ von der „Freizeit Revue“ lernen kann

Norbert Thomma

Die bange und zaghafte Frage stand gestern auf der „Wahrheit“-Seite in der „tageszeitung“ (taz): „Dürfen wir uns nun endlich darüber lustig machen?“ Worüber? Über den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson. Das wundert einen dann doch. Kann sich diese Zeitung, anders gefragt, über den Grand Prix etwa nicht lustig machen? Offenbar.

Es gab in der bald 24-jährigen Geschichte der links-alternativen „taz“ immer einen Index für nicht erwünschte Äußerungen und Werbung: Rassismus, Sexismus, Militarismus. Schon dies führte zu bisweilen grotesken Verrenkungen der Argumente. Nun ist ein neues Tabu hinzugekommen.

Vergangenen Freitag erschien auf der „Wahrheit“-Seite eine Eigenanzeige an jener Stelle, die sonst eine Kolumne von Wiglaf Droste beherbergt. Kurz vor Redaktionsschluss hatten die Chefs den Text entfernt und dafür ihren Lesern ein Brillenetui (Metallbox, 10 Euro) respektive eine Tasche (wasserfest, 49 Euro) angeboten. Dies ist besonders pikant bei einer Zeitung, die aus Ärger über die Selbstzensur der Medien im „Deutschen Herbst“ gegründet wurde.

Amüsant daran ist, dass der Text des manchmal martialischen Kolumnisten Droste aus geradezu perwoll-weichen Kuschelsätzen bestand. Aber er rührte am Allerheiligsten des Blattes, dem Schlager- Grand-Prix. Seit Wochen füllte das dünne Blatt seinen raren Platz mit Berichten über die eigene Kandidatin Senait (26, „Herz aus Eis“) und den Event als solchen. Und zwar mit einer Ernsthaftigkeit, die jede Debatte über den UN-Sicherheitsrat übertraf.

Kurz vor dem großen Finale in Kiel wollte Droste diese Verbiesterung anprangern und die Schlagertalibane der „taz“ beim Namen nennen; geradezu realpolitisch machte er Lösungsvorschläge, wie die Gratwanderung hätte gemeistert werden können: „souverän, sich der eigenen Rolle im Spielchen bewusst, humorvoll, die Manierismen des Gewerbes beleuchtend, bei aller Freude am Unfug die Distanz wahrend und entsprechend selbstironisch“. Der „taz“-Musikredakteur nannte dies „eine Stimme der Vernunft in einem Meer von Dummheit“.

Nun ist’s vollbracht. In karger dpa-Prosa resümmierte die „taz“ am Montag ganzseitig den valiumösen Singeabend (siehe Seite 28). Senait belegte den vierten Platz, direkt hinter dem „Bild“-Kandidaten Elmar Brandt und weit vor der Sonntags-„FAZ“ (13.) Den medieninternen Wettbewerb aber hatte die „Freizeit Revue“ gewonnen: Deren rothaarige Lou wurde Erste.

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