Talk bei Günther Jauch : Erbschaften sind undemokratisch

250 Milliarden Euro werden jährlich vererbt. Doch jeder zweite Deutsche erbt höchstens Schulden. Mehr Erkenntnis war beim Jauch-Talk aber nicht zu holen.

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Wie hält es Günther Jauch mit dem Erben? Diese Frage wurde nicht gestellt.
Wie hält es Günther Jauch mit dem Erben? Diese Frage wurde nicht gestellt.Foto: dpa

Außer einigen kurzzeitigen Emotionen hat der Sonntagstalk von Günther Jauch dieses Mal wenig Erkenntnisgewinn. „Unverdient reich – Ist Erben gerecht“, heißt die Grundfrage des Abends und zu den Mankos der Sendung gehört, dass es anders als die Mehrzahl der sonstigen Jauch-Themen keinen tagesaktuellen Anlass für diese Debatte gibt, schließlich hat die Politik noch bis Mitte 2016 Zeit, um ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Erbschaftsbesteuerung von Familienbetrieben umzusetzen.

Größtenteils stützt sich die Sendung auf die Recherchen der Journalistin und Buchautorin Julia Friedrichs („Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“). Ihre These: Wohlstand und Aufstiegsmöglichkeiten hängen für die meisten Menschen anders als in der Generation Wirtschaftswunder weniger von ihren persönlichen Leistungen ab, sondern von den Erbschaften. Die Erbengesellschaft lasse die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer werden, das wiederum führe zu einem neuen Feudalismus und passe nicht zur Demokratie. Zum Hintergrund: Jährlich werden rund 250 Milliarden Euro vererbt, zehn Prozent der Deutschen erben dabei die Hälfte der Summe, die Hälfte der Menschen in Deutschland erbt hingegen gar nichts oder nur Schulden.

Bei ihren Recherchen hat die Autorin noch etwas anderes herausgefunden, was den lahmen Verlauf des Jauch-Talks erklärt: Während die Erblasser mit ihr über das Thema geredet haben, mochten dies die Erben eher nicht. Das zeigte sich auch bei den Gästen. Als Erbin hat Jauch Stephanie von Pfuel nach Berlin geholt. Sie kommt jedoch nur zwei, drei Mal zu Wort. Als Zielpunkt einer Neiddebatte taugt sie zudem nicht. Als sie ihr Schloss geerbt hatte, war es kaum mehr als eine Ruine. Mit höherer Erbschaftssteuer hätte sie es verkaufen müssen statt es zu renovieren. Ihr Betrieb ist heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region, wohl mit ein Grund, warum sie zur Bürgermeisterin des Ortes gewählt wurde.

"Denkt lieber an Amazon, die zahlen gar keine Steuern"

Dirk Roßmann hat seine Drogeriekette quasi aus dem Nichts aufgebaut. Er will sein Unternehmen später einmal an seine Söhne vererben. Bereits jetzt arbeiten sie mit, nicht weil sie seine Kinder sind, sondern „weil sie ebenfalls kaufmännische und soziale Kompetenz haben“, wie der Vater sagt. „Ich bin nicht für Steuerfreiheit“, sagt er, von einer stärkeren Besteuerung von Familienerben hält er dennoch nichts. „Familienbetriebe schaffen Arbeitsplätze, höhere Erbschaftssteuern gefährden nur deren Wettbewerbsfähigkeit. Denkt lieber an ausländische Unternehmen wie Amazon, die in Deutschland gar keine Steuern zahlen“, hält er immer wieder entgegen.

Woher sollte im Talk also Kontroverse kommen? Als einen von zwei Experten hat Jauch den Vermögensforscher Thomas Druyen eingeladen. Er lehrt an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien und sitzt im Vorstand des Instituts für vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie. „Eine höhere Erbschaftssteuer führt nicht zu sinkender Lohnsteuer. Wir dürfen nicht so tun, als ob Erben eine abartige Angelegenheit ist“, sagt der Wissenschaftler und nimmt der Diskussion damit vollends den Wind aus den Segeln.

Anders wäre es wohl gewesen, wenn Jauch Susanne Klatten in die Sendung bekommen hätte. „Allein aus Dividenden der BMW-Aktien verdient die Familie Quandt/Klatten jährlich 800 Millionen Euro und das ist nicht das einzige Unternehmen im Familienbesitz“, sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge als vierter Gast von Günther Jauch. Seine Forderung: Die 90 reichsten Familien mit ihren konzernartigen Unternehmenskonglomeraten müssen bei der Erbschaftssteuer stärker rangenommen werden. Dass es zwischen Butterwegge und Rossmann etwas heftiger wird, hatte indes weniger mit übergroßen Meinungsverschiedenheiten zu tun, sondern mehr mit dem Umstand, dass sie einander vor lauter Emphase mitunter nicht mehr zuhören.

Die Politik wollte hingegen Julia Friedrichs durchaus zuhören, zu welchen Erkenntnissen sie in ihrem Buch gekommen ist. Bloß mehr unternehmen für die Chancengleichheit der Nichterben will offenbar keine Partei etwas. Auch die Grünen nicht, weil deren Klientel ebenfalls zur Erbengeneration gehört. Nächsten Sonntag sollte Jauch besser wieder ein wirklich aktuelles Thema wählen.

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