Medien : Talk für den Elfenbeinturm

Dichter müssen nicht durch Herbstlaub schreiten, und Büchersendungen müssen auch kein abgefilmtes Radio sein Die ARD-Sendung „Druckfrisch“ macht’s vor: So konsequent wurden literarische Themen noch nie visualisiert

Helmut Böttiger

Literatur und Fernsehen vertragen sich nicht. Das ist ein grundsätzliches Problem. Und es geht dabei nicht nur um den alten Streit zwischen Schrift und Bild. Das Medium Literatur greift tiefer zurück, es hat eine andere Zeit; das Fernsehen hingegen stellt den aktuellen Zeitpunkt heraus und setzt ihn absolut. In der ARD hat man das Problem dadurch weggeschoben, dass man die Literatur in ein paar Ghettos in den Dritten Programmen versteckte, ansonsten ist sie gelegentlich Thema von Spotlights in Kulturmagazinen. Das ZDF zog mit dem „Literarischen Quartett“ ein Glückslos: Es galt zwar als Literatursendung, war aber vor allem ein ureigenes Fernsehformat, eine Talkshow mit verteilten, wiedererkennbaren Rollen wie in der „Lindenstraße“.

Nach dem Ende des „Literarischen Quartetts“ ist plötzlich eine Leerstelle erkennbar. Zur Zeit basteln beide öffentlich- rechtlichen Kanäle daran, eine zentrale Büchersendung zu Stande zu bringen. Beim ZDF soll es Elke Heidenreich richten, deren Popularität zumindest im westdeutschen Raum fast schon die Ausmaße des großen Fernsehkritikers angenommen hat; sie machte ihr Projekt nicht ohne Bedacht zum ersten Mal in der „Harald-Schmidt- Show“ öffentlich (siehe nebenstehendes Interview). Die Sendung der ARD ist bereits startklar: Heute um 23 Uhr 35, nach den „Tagesthemen“, soll zum ersten Mal „Druckfrisch“ ausgestrahlt werden, mit dem Untertitel „Neue Bücher mit Denis Scheck“.

Denis Scheck, Jahrgang 1964, ist als Redakteur beim Deutschlandfunk sowie als Juror beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb bekannt geworden. Auf der letzten Leipziger Buchmesse erregte er mit einem Artikel in der „FAZ“ über den neuen Typus des „Literaturluders“ Aufsehen, für den Tagesspiegel besprach er damals den herausragenden Roman „Der menschliche Makel“ von Philip Roth. Scheck hat sich schon während seiner Schulzeit als Agent für Science-Fiction-Literatur und Fantasy betätigt. „Kurz bevor das Agentenwesen in Deutschland profitabel wurde“, wie er sagt, ließ er es jedoch sein und lebte in der Folge vorwiegend als Übersetzer von Krimis und Autoren der amerikanischen Postmoderne. Der Spagat zwischen so genannten „trivialen“ Genres und hochkomplexer, avantgardistischer Prosa, etwa von William Gaddis oder Don DeLillo, ist seine Spezialität, und er unternimmt ihn auch bei deutscher Literatur. Als Herausgeber der „marebibliothek“ im marebuchverlag ist er seit einem Jahr als Lektor tätig.

Scheck spielt auf allen Klaviaturen des Literaturbetriebs. Ist er geeignet, als moderner Sisyphus zu agieren, Literatur und Fernsehen zusammenzubringen?

Die ARD ist ein „Mehrheitssender“, stellt ihr Chefredakteur Hartmann von der Tann klar, „Druckfrisch“ sei keineswegs für eine spezielle Minderheit konzipiert worden. Und wenn er dann noch hinzufügt: „Scheck kommt aus dem eigentlich intellektuellen Medium, dem Radio“ – dann ist zu ahnen, welcher Drahtseilakt hier bevorsteht.

Man muss zwischen Sendungen über Literatur und Sendungen über Bücher unterscheiden. Mittlerweile gibt es nur noch letztere, und das heißt, dass Sachbücher – die verantwortlichen Redakteure heben hier immer die Augenbrauen und präzisieren: „das populäre Sachbuch“ – immer breiteren Raum einnehmen. Literatur im engeren Sinne kam im Lauf der Zeit im Fernsehen vor allem in zwei Versionen vor. Das eine sind die kleinen Filmchen, in denen der Dichter bedeutungsvoll spazieren geht, am besten zwischen Herbstlaub oder an elegischen Flüssen; wenn es ein bisschen progressiver gemeint ist, können es auch lärmende Großstadtstraßen sein. Dazu spricht dann ein geschulter Sprecher Sätze, die sich atmosphärisch einschwingen wollen. Die ganze Kalamität des Versuchs, das eine Medium ins andere zu übersetzen, wird dabei deutlich. Die andere Version ist eine Art verfilmtes Radio: Interviewer und Autor oder auch Kritiker unter sich sprechen über ein Buch. In den verbliebenen Buchsendungen in den Dritten Programmen sind beide Formen präsent.

Schneller, populärer, spannender

Interessant ist die Entwicklung im Südwestrundfunk (SWR). Dieser Sender hat die Literatur-„Bestenliste“ erfunden, in der Literaturkritiker Monat für Monat Bücher empfehlen. Die Sendung „Die Bestenliste“ galt denn auch als die kompetenteste Literatursendung überhaupt: Im fachkundigen Gespräch mit den Autoren wurden die jeweils bestplatzierten Bücher vorgestellt. Dem SWR behagte aber die Quote nicht. Die Nachfolgesendung folgte anderen Kriterien, und hier kommt Denis Scheck ins Spiel.

„Schümer & Scheck“ machte talkshowmäßig die Namen der Moderatoren zum Programm. Die Sendung dauerte nur noch eine halbe Stunde und nicht mehr eine ganze, sie hatte ein viel schnelleres Tempo, und die beiden Protagonisten sprachen in einer Art Wohnzimmer abwechselnd über Bücher, warfen Videos ein, in denen immer wieder ein literatur-touristischer Blick auf Venedig versucht wurde (Dirk Schümer ist Europakorrespondent der „FAZ“ mit Sitz in Venedig – der Traumjob jedes Kulturjournalisten). Und wenn die beiden kunstvoll auf dem Teppich gelagerten Hunde bellten, konnte man sicher sein, dass gerade der jeweilige Gast klingelte: Der hatte gerade ein Buch geschrieben und wurde danach befragt. „Schümer & Scheck“ war auf jeden Fall ein für das Fernsehen geeigneteres Format, wie es die Medienwissenschaftler nahe legen. Die Sendung lief acht Mal, doch die Quoten gegenüber der Vorgängersendung „Die Bestenliste“ lassen keinen eindeutigen Schluss zu.

Während vieles dafür spricht, dass im Dritten ARD-Programm das „abgefilmte Radio“ vielleicht doch die adäquate Form ist, um die Minderheit der Literaturinteressierten anzusprechen, denen ja der öffentlich-rechtliche Auftrag gilt, ist es im Ersten ratsam, eine radikale Entscheidung zu treffen. Und das wurde jetzt getan.

„Druckfrisch“ ist ganz und gar dem Medium Fernsehen verpflichtet. Die zwangsläufig populären Themen werden durch avancierte visuelle Formen vermittelt. Eine zentrale Rolle spielt Regisseur Andreas Ammer. Er setzt auf schnelle Schnitte, ungewöhnliche Kameraeinstellungen, filmische Mittel. Scheck fungiert als Buchreporter, der Schriftsteller und Schauplätze vor Ort aufsucht, es gibt kein Studio und keinen Moderatorenstuhl. Dass Andreas Ammer neben etlichen Fernsehbeiträgen durch ästhetisch anspruchsvolle Hörspielproduktionen bekannt geworden ist, in denen es vor allem auf Geräusche und Klang ankommt, gibt die Richtung an: Im vergangenen Jahr wurde „Crashing Aeroplanes“, eine Collage aus O-Tönen abstürzender Flugzeuge, als bestes Hörspiel ausgezeichnet.

Die subversive List der Literatur

„Druckfrisch“ hat sich bei der Entscheidung zwischen Literatur und Fernsehen eindeutig für das Fernsehen entschieden, und womöglich ist das für die Literatur sogar gut.

In der ersten Sendung ist eine Porschefahrt mit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking geplant, es gibt einen Besuch in New York bei Philip Roth und einen Stadtgang mit dem Krimiautor Wolf Haas. Die Frage, die Scheck dabei stellt, hat programmatischen Charakter: „Haben Sie sich jemals überlegt, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen wie Kleist?“ Daneben ist beabsichtigt, die „Spiegel“-Bestsellerliste zu rezensieren; hier findet hinterrücks vielleicht sogar Kritik statt, eine Kritik nach der Kritik …

Und dass Wilhelm Busch alias Robert Gernhardt in jeder Sendung ein „Sonett an die Deutschen“ vortragen soll, muss wohl allenthalben als brillante Idee verbucht werden.

Scheck kann nicht der neue Reich-Ranicki werden, dazu ist „Druckfrisch“ formal zu anspruchsvoll. Aber vielleicht ist er ein Reich- Ranicki der übernächsten Generation. An jedem ersten Sonntag im Monat findet das Experiment statt, zunächst acht Mal. Diese Sendung ist vielleicht eine Chance. So konsequent wurden literarische Themen noch nie visualisiert. Und darin kann auch eine subversive List der Literatur liegen.

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