Talk-Shows : Ikea-Fernsehen

Lebst du schon oder talkst du noch? Wie die Talker unseren Alltag möblieren.

Joachim Huber

Auf den Herbst muss in Deutschland keiner warten, der Herbst passiert einem in Deutschland. Es wird schlagartig kälter, das merkt jeder, die Talker kommen scharenweise zurück ins Fernsehen, das bekommt jeder mit. Binnen zwei Tagen haben Reinhold Beckmann, Sandra Maischberger, Johannes B. Kerner, Jörg Thadeusz wieder im Studio Platz genommen. Dort ist ein Tisch verrückt worden, da ein Hintergrund verändert, mancher war beim Friseur, manche nicht. Es ist nicht viel mehr passiert als in Millionen Wohnzimmern während der Sommermonate. In diesen Alltag fügt sich das Talkfernsehen bestens ein, es ist dessen Verlängerung ins Fernsehen hinein. Das sieht man schon am Studio-Ambiente, überall leicht angehobener Ikea-Stil mit den warmen Erdtönen. Lebst du schon oder talkst du noch?

Maischberger ist im fünften Sendejahr angelangt, Kerner sogar im zehnten. Beide wissen, wie es geht. Bei „Maischberger“ sitzen fünf Männer im Opa-Alter und arbeiten den Sommer auf, ein bisschen Politik ist dabei, Dieter Hildebrandt gerät kurzfristig mit Heinz Klaus Mertes wegen des NSDAPMitglieds Hildebrandt aneinander. In der Kerner-Show sitzen Herr Alle und Frau Niemand, Christina Meier erzählt von ihren Erfahrungen als schwangere Geisel in Afghanistan. Bei „Beckmann“ bekennt der frühere Fußball-Manager Rudi Assauer, er hätte bei seiner Mutter aktive Sterbehilfe geleistet.

In Deutschland leben, sagen wir mal, 600 Menschen, die bekannter sind als du und ich. Manche Prominenz ist kurzlebig, andere Prominenz hält länger, jeder Prominente bringt seine größere oder kleinere Geschichte mit ins Studio. Aus diesem Reservoir schöpfen die Talkshow-Redaktionen. Relevant ist das nicht, der Ehrgeiz geht, höchstens, dahin, dass die Sendungen interessant sind. Alltagsfernsehen, Fernsehalltag. Was noch passieren muss: Dass die Talker ihre überlangen Sommerpausen reduzieren, auf das Maß eines durchschnittlichen Urlaubs. Die perfekte Synchronisation von Produzenten und Konsumenten ist das höchste Glück auf Erden. Joachim Huber

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