Talk, Talk, Talk : Die Studio-Hocker

Die Talkshow soll ein Gespräch über die Gesellschaft sein. Manchmal ist sie das. Oft aber verkommt sie zum ritualisierten Rollenspiel. Warum wir in den Sendungen von Frank Plasberg, Anne Will, Maybrit Illner & Co. immer dieselben Streit-Darsteller sehen.

Bernd Gäbler
Viele Gäste hüpfen von Talk zu Talk.
Viele Gäste hüpfen von Talk zu Talk.Foto: WDR/Klaus Görgen

Die Dokumentation soll beobachten; der Beitrag im Politik-Magazin soll enthüllen – und in der Talkshow wird geredet. Aktuell verschieben sich die Gewichte im Fernsehen: hin zum Reden. Manchmal erliegen Zuschauer wie Politiker gar dem Missverständnis, die Talkrunden lösten die Parlamente ab. Der Lammert – geht der eigentlich in Talkshows? Weil alles beredet wird, wächst im Publikum aber auch der Verdacht, das Eigentliche und Folgenreiche werde nicht auf der Bühne, sondern umso mehr im verschlossenen Hinterzimmer verhandelt. Der TV-Talk ist immer auch Politiksimulation.

Immer wieder gibt es Momente, die in Erinnerung bleiben – wie Oskar Lafontaine mit Friedrich Merz stritt oder Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen aneinandergerieten. Meist aber wird kein Drama mit offenem Ausgang gegeben, sondern treu eine vorab konstruierte Rollentypologie durchgehalten. Dabei kommen ungefähr 30 Debattenkünstler der ersten Garnitur zum Einsatz und etwa 80 bis 90 weitere aus der zweiten Liga. Im Fernsehen wird so aus der großen gesellschaftlichen Debatte eine Familienangelegenheit.

Manche Besetzung in den Talkshows ist themengebunden. Da „Rente mit 67“, „Pflegenotstand“ und „Zwei-Klassen-Medizin“ immer gehen, kommen auch ständig der gesellige Norbert Blüm, der mahnende Rudolf Drechsler oder der näselnde Propeller Karl Lauterbach zum Zuge. Gerhart Baum ist für die Bürgerrechte da, der urige Shooting-Star Heinz Buschkowsky für Migration, und Christian Pfeiffer hat alle Zahlen zur Jugendgewalt vorrätig. Kann man die Andrea Nahles eigentlich auch für Gesundheit nehmen? Claus Fussek heißt der intime Kenner der Pflegeheime, und zum Thema „Armut“ bereichert zuverlässig Bernd Siggelkow von der Berliner Arche oder der paritätische Kotelettenträger Ulrich Schneider die Runde. Geht es um „Merkel und die CDU“ gibt selbstverständlich der unabhängige „Experte“ Professor Gerd Langguth Auskunft, denn der kennt sich da aus, er war schließlich früher im CDU-Parteivorstand.

Wichtig sind die Rollen. Was im Kasperle-Theater das Krokodil ist, ist in der Talkshow der alte Grantler, der knurrende Mahner, der sich ein letztes Mal dem Niedergang entgegenstemmt, also Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel oder der distinguierte Apokalyptiker Klaus von Dohnanyi. Der alte Mann kann auch ein Bübchen sein. Dann heißt er Roger Köppel und kommt aus der Schweiz. Ist er eine Frau, übernimmt Barbara Rütting. Wichtig im Fünferkreis ist ein Stuhl für den „Schrägen“. Henryk M. Broder nimmt darauf gerne Platz und bürstet alles akkurat gegen den Strich der politischen Korrektheit. Aushilfsweise darf Matthias Matussek ran – und wenn der Auftritt weniger intellektuell als mitreißend sein soll, ist dafür seit etwa eineinhalb Jahren Klaus Kocks zuständig. Der hat Löckchen, einen Schnäuzer und zu allem eine pointierte Meinung. Einmal – als Gast von Markus Lanz – hat er es sogar fertiggebracht, in derselben Sendung energisch den Rücktritt von Renate Schmidt zu fordern und das Gegenteil, weil ihr Vergehen doch eine Bagatelle sei.

Wichtiger als abwägen ist polarisieren. Wichtiger als das Detail ist die klare Position. Wer sich durchsetzen will, muss sich wiederholen. Am Ende kann der Moderator mehr gemeinsame Anstrengung anmahnen oder energisch einfordern, die Wirklichkeit beziehungsweise die Wählerwünsche mehr zu berücksichtigen.

Talkshow-Kompetenz gehört inzwischen zur politischen Karriere wie die Kanzel zur Predigt. Typische Talkshow-Politiker sind der regelmäßig puterrot anlaufende Oskar Lafontaine und der spitzbübische Dialektiker Gregor Gysi. Auch der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach gehört zu dieser Spezies. Er spricht in freundlichem rheinischem Singsang, hat zu allem was zu sagen, nur nicht in seiner Partei und vor allem: Er kann immer. Die SPD ist da schlechter dran – seit Hans Eichel nicht mehr amtiert. Sigmar Gabriel kann zwar sehr schön schimpfen, ist schlagfertig, also ein guter Talkgast, aber leider muss er auf ranggleiche Gegner achten.

Der Vorsatz aller Talkshow-Redaktionen, mehr die Gesellschaft und weniger Parteipolitik zum Zuge kommen zu lassen, wird nicht eingehalten, weil der Bezugspunkt doch immer das Fernsehen ist. Daher muss der Gast bekannt sein. Für Entdeckungen – von gesellschaftlichen Trends wie von interessanten Menschen – ist da kaum Platz.

Der Dings ist auch gut, dieser Boxer da, vom Porsche-Betriebsrat. Geht es um die Wirtschaft, sitzt da am Ende doch wieder Hans-Werner Sinn mit dem markante Bart oder der deutschnational schnarrende Trigema-Stehkragen Wolfgang Grupp, weil die wichtigen Konzernbosse nicht mitspielen. Bei „Let's dance“ gibt es doch diesen Börsianer, wollen wir den nicht mal einladen?

Ein Gespräch über Zukunft oder Visionen – wie wollen wir arbeiten, leben, Energie verbrauchen, mobil sein, unsere sozialen Beziehungen und Netzwerke gestalten? – ist den meisten Redaktionen zu schwammig. Was ist mit Internet? Da brauchen wir diesen Kerl mit dem roten Kamm: Aha, Sascha Lobo. Auch kluge Wissenschaftler gelten als sperrig. Handfest müssen die Kontroversen sein und praktisch lösbar. Immer braucht es einen Gegenpol zu den ergrauten Warnern. Ideal sind die jungen Dinger. Leider ist Franziska Drohsel nicht mehr Juso-Chefin. Also wird die Linke Katja Kipping eingeladen, auch die „Vollzeit-Aktivistin“ Hanna Poddig hat gerade Konjunktur. Wieder kommt die SPD schlecht weg, will sie doch Manuela Schwesig unbedingt in die Konkurrenz zu Ursula von der Leyen schicken, statt sie auf die alten Zausel loszulassen.

Das politische Gewicht der Talkshows ist groß. Sie entdecken wenig, aber machen Themen, die in der politischen Klasse ohnehin verhandelt werden, noch einmal bedeutender. Sie beschleunigen diese. Bei der Auswahl der Diskutanten dagegen herrscht lähmende Orthodoxie. Verlässlich sind die Nervensägen. Kenntnisreiche Politiker aus der zweiten Reihe des Bundestages, populäre Bürgermeister großer Städte wie Nürnberg oder Gelsenkirchen, gar Kultur-Menschen werden dem Publikum nicht zugemutet. Vielleicht zwingt demnächst ja einfach die Vielzahl der Runden zu Originalität.

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