Talk Talk : Und jetzt kommt Jauch...

Eine Halbjahres-Bilanz zu den öffentlich-rechtlichen Fernseh-Talks: ARD-Angebote verlieren, Maybrit Illner im ZDF gewinnt.

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Günther Jauch tritt am Sonntag für die ARD an.
Günther Jauch tritt am Sonntag für die ARD an.Foto: ARD/Marco Grob

Deutschland schweigt. Am Mittwoch ist mit „Hart aber fair“ die letzte der wichtigen Talkshows in die Sommerpause gegangen. Es ist eine Zäsur, denn am 11. September wird Günther Jauch ins Talkgeschehen eingreifen, „Anne Will“, „Beckmann“ und „Hart aber fair“ werden ihre Sendeplätze wechseln, nur „Menschen bei Maischberger“ wird unverändert am Dienstag um 22 Uhr 45 zum gemeinsamen Studiogespräch bitten.

Die Zahlen für das Fernsehformat seit Jahresbeginn 2011 geben auf den ersten Blick zweierlei preis. „Anne Will“ hat mit durchschnittlich 4,05 Millionen Zuschauern pro Ausgabe (Marktanteil: 14,1 Prozent) den Spitzenplatz errungen, keine Talkshow war für das Publikum attraktiver. Als Gewinnerin darf sich auch „Maybrit Illner“ im ZDF fühlen. Als einzige Talkshow konnte diese Sendung mit bislang 2,58 Millionen Zuschauer (MA: 12,6 Prozent) ihre Akzeptanz deutlich steigern. In der Gesamtschau aller einschlägigen Sendungen genügte das für Rang drei, denn Platz zwei hält unverändert „Hart aber fair“ mit 3,11 Millionen (MA: 12,7 Prozent).

ZDF-Chefredakteur Peter Frey frohlockte über den Zuwachs bei „Maybrit Illner“ von 2,36 Millionen im Jahr 2010 auf 2,58 im ersten Halbjahr 2011: „Maybrit Illner und ihrem Team ist es in den vergangenen Monaten gelungen, ihren Talk neu aufzustellen.“ Kein Halbkreis mehr, sondern eine konzentrierte Tischrunde sehe der Zuschauer jetzt – „ein Talk mit Werkstattcharakter“. Damit habe sich die Sendung neu erfunden und sei zur Benchmark für Diskussionen im Fernsehen geworden. Peter Frey blickt mit einiger Schadenfreude auf die Veränderungen bei den Talkshows im Ersten: „Während bei anderen jetzt jeder gegen jeden kämpft, ist das ZDF mit Illner auch für die zweite Halbzeit 2011 gut aufgestellt.“

Auch wenn es der ZDF-Chefredakteur aus Konkurrenzgründen so sehen will, das Erste muss sich über die erzielten Werte bei seinen Talkshows nicht allzu sehr grämen. Zwar haben durch die Bank alle verloren, allerdings sind diese Verluste nicht so gravierend. „Anne Will“ geht von 4,11 Millionen im Jahresdurchschnitt 2010 auf 4,05 Millionen in der ersten Hälfte 2011 zurück (MA: 14,5 auf 14,1); bei „Hart aber fair“ ist das Minus deutlicher, von 3,46 Millionen (MA: 13,8 Prozent) auf 3,11 Millionen (MA: 12,7 Prozent). Frank Plasberg musste sich am Mittwoch öfters gegen die sehr quotenstarken Übertragungen der Fußball-Champions-League wehren.

„Beckmann“ hielt in etwa sein Niveau. 1,55 Millionen Zuschauer (MA: 11,2 Prozent) bedeuten ein Minus von 30 000 Zuschauern gegenüber 2010 (der Marktanteil ist unverändert). „Menschen bei Maischberger“ erreichte wie 2010 exakt wieder 1,77 Millionen je Sendung, nur der Marktanteil schrumpfte von 12,6 auf 11,9 Prozent.

Aus all den Zahlen für die ARD-Angebote lässt sich zweifelsfrei ablesen, dass der Zuspruch zu den Talks geringfügig, aber eben doch nachgelassen hat. Ist das ein böses Mirakel für die neue Fernsehsaison, wenn das Erste nicht vier Talks von Sonntag bis Mittwoch, sondern sogar fünf von Sonntag bis Donnerstag auf das unschuldige Publikum loslässt? Und zwar in dieser neuen Reihenfolge: „Günther Jauch“ am Sonntag um 21 Uhr 45, „Hart aber fair“ am Montag um 21 Uhr, „Menschen bei Maischberger“ am Dienstag, „Anne Will“ am Mittwoch, „Beckmann“ am Donnerstag (allesamt um 22 Uhr 45).

„Günther Jauch“ wurde vom Ersten in einer Pressemitteilung vom Mittwoch als „der Polittalk aus dem Herzen der Hauptstadt“ intoniert. Der Moderator empfange „in seiner neuen Sendung sonntags nach dem Krimi interessante Gäste aus Politik und Gesellschaft, um mit ihnen über das Thema der Woche zu diskutieren. Aktuell soll es sein, für die Zuschauer relevant und emotional bewegend.“ Nah bei den Menschen wolle Jauchs Polittalk sein und das in jeder Hinsicht. Klingt das nicht nach Parteiveranstaltungen mit, sagen wir, dem SPD-Politiker Kurt Beck, der immer „nah bei de Leit“ sein will?

Egal, wer Günther Jauch unterschätzt, der hat schon verloren. Er sendet aus Berlin-Schöneberg, aus einem Gasometer, der jetzt ein Industriedenkmal ist. Dessen 80 Meter hohe markante Stahlkonstruktion sei weithin sichtbar, weiß die ARD, „im Inneren befindet sich ein der Reichstagskuppel nachempfundener Veranstaltungsraum, der rund 300 Gästen Platz bietet.“ Premiere ist, wie gesagt, am 11. September, eine Woche vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Der Auftakt kann, muss aber nicht politisch sein.

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