Talk : Wer bin ich?

Horst Schlämmer, Atze Schröder & Co.: Immer mehr Rollenspieler und Kunstfiguren ziehen in Talkshows ihr Ding durch. Nicht immer ist das lustig.

Markus Ehrenberg

Es gibt Wochen im Fernsehprogramm, wo man am Ende glaubt, gerettet werden zu müssen, vor Casting-TV, Volksmusik und Dokusoaps, vor all dem, was nicht richtig ernsthaft, nicht lustig und auch nicht richtig echt ist; vor Medien halt, wo alles, wie Siegfried Lenz meint, auf ein Stichwort gebracht wird. Talkshows sind dann oft nicht das Schlechteste, was einem passieren kann, zum Beispiel bei „plasberg persönlich“ freitagabends oder bei Christine Westermann und Götz Alsmann, die einem Prominenten in ihrer WDR-Show „Zimmer frei!“ auf den Zahn fühlen und dafür sorgen, dass Maskeraden fallen, Personen erkennbar werden. An solchen Stellen blitzt dann etwas von dem auf, was das Medium Fernsehen spannend machen kann: Nicht-Vorhergesehenes, Unerhörtes.

Wenn denn der Gast mitspielt. Beispiel „Zimmer frei!“ und Martin Sonneborn. Der Ex-Chefredakteur der „Titanic“ hatte sich in der für den 4. Oktober geplanten Ausgabe laut Redaktion nicht an die Absprache gehalten. Er sollte nicht ausschließlich in seiner Rolle als Chef der Spaßpartei „Die Partei“ auftreten. Sonneborn sah Zensur. „Martin Sonneborn sollte als Martin Sonneborn auftreten“, sagt hingegen Redaktionsleiter Hans-Georg Kellner. „Wir haben im Vorfeld ganz klar gesagt, dass dies die Grundlage der Einladung zu ,Zimmer Frei!‘ ist.“ Sonneborn habe in Wieland Backes’ „Nachtcafé“ und der NDR-Talkshow „glänzende Fünf-Minuten-Auftritte“ als „Partei“-Vorsitzender hingelegt, aber in einer 60-minütigen Personalityshow entzaubere sich die Satire leider selbst.

Mit dieser Entzauberung nehmen es andere Formate nicht ganz so genau. „Es werden mit allen Gästen Vorgespräche geführt, damit beide Seiten wissen, was sie in der Sendung erwartet“, sagt NDR-Sprecher Ralf Pleßmann für die „NDR Talk Show“. Comedians wie Atze Schröder alias Thomas Schröder (laut fiktiver „Biografie“) oder Cindy aus Marzahn alias Ilka Bessin beharren aber auch als Talk-Gast auf ihrer Rolle als Comedians. Atze Schröder, der nie ohne Pudelperücke und Pilotenbrille auftritt, hat durch Gerichtsbeschlüsse erwirkt, dass seine wahre Identität von keiner Zeitung gelüftet werden darf. Warum sollten sich die Moderatoren Hubertus Meyer-Burckhardt und Barbara Schöneberger einen Tort antun? Bei Comedians werde tatsächlich oft klassisches Comedyprogramm gemacht und Stichworte vereinbart, so der NDR-Sprecher. „Trotz seriöser Talkshow bleibt es nun mal ein Comedytalk, und Comedians sind von jeher oft und gerne die Schlussnummer in einer Talkshow.“ Da die Sendungen unter Livebedingungen aufgezeichnet werden, sei aber nicht jeder Gesprächsverlauf vorhersehbar, unvorhergesehene Geschehnisse das Salz in der Suppe.

Leider werden diese Suppen immer fader, bei all den Rollenspielern und Kunstfiguren im Fernsehen – die Redaktionen der Maischbergers, Kerners, Beckmanns & Co. sind sich des Problems nicht erst seit Sacha Baron Cohen alias „Borat“ oder Hape Kerkelings Dauerperformance als Horst Schlämmer bewusst. Albern oder subversiv? Man ist ja schon froh, den Schauspieler Christian Ulmen zu erwischen und nicht Uwe Wöllner, jene Muttersöhnchenfigur, die Ulmen nicht nur im Internet-TV darstellt, sondern auch in Interviews. Moderator Frank Plasberg versucht, da nicht mitzuspielen. „Rollenspiele akzeptieren wir bei ,hartaberfair‘ und ,plasberg persönlich‘ nicht“, sagt Jochen Maaß, Gäste-Redakteur beim ARD-Polittalk. Deshalb sei man bei der Einladung von Comedians und Kabarettisten generell zurückhaltend. „Wenn sie bei uns auftreten wie Dieter Hallervorden, dann nur, wenn sie als Mensch, Bürger oder Wähler etwas zum Thema zu sagen haben. Oder wenn wir über die Kunstfigur diskutieren wollen, wie bei einer Sendung mit Ingo Appelt zum Thema Vorbilder, in der es um seine öffentliche Wirkung ging.“

Wie viel Kunstfigur Martin Sonneborn, der Parteichef, denn nun in Martin Sonneborn, dem Talkgast, ist, das kann man sich am späten Dienstagabend (0 Uhr 15) anschauen. Der WDR hat die inkriminierte „Zimmer frei!“-Ausgabe nach vielen Zuschaueranfragen doch noch ins Programm genommen. Wir spielen alle Theater, hat der Soziologe Erving Goffman mal gesagt. Es sollte halt nur, gerade in Talkshows, nicht so auffallen.

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