Medien : Talkmaster Politiker: Reden ohne Ende - immer mehr Polit-Profis gehen ins Fernsehen

Robert Ide

Politikern fällt das Reden nicht schwer. Stundenlang können sie untereinander streiten oder in verbaler Endlosschleife für ihre Ziele werben. Das Ergebnis im Kampf der Worte ist allabendlich im Fernsehen zu betrachten - aufbereitet und sortiert von Journalisten. Zuschauer, die Politiker gerne zuhören, können zusätzlich zu den Nachrichten noch Talkshows einschalten. Dort sitzen Politiker im Fernsehstudio und reden, was das Zeug hält. Die Moderatoren stellen ab und zu bissige Fragen, um zu zeigen, wie unabhängig und kritisch ihr Sender ist.

So war das Spiel bisher, mit verteilten Rollen und mit so manchem Ritual. Doch vielen Protagonisten scheint das nicht zu genügen. Sie wollen öfter ins Fernsehen. Deshalb übernehmen sie verstärkt selbst Regie - als Talkmaster. Jüngstes Beispiel ist der scheidende Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck. Er denkt an eine Talkshow - jede Woche, 30 Minuten lang, mit einem Gast.

"Ich würde das schon gerne ausprobieren", bekennt Gauck gegenüber dem Tagesspiegel. Das Angebot des WDR betrachtet er aber nur als Option - "ob ich sie nutze, ist eine andere Frage". Schließlich, so Gauck, habe er keine Erfahrung als TV-Moderator. Der WDR gibt sich weniger zurückhaltend. Die Redaktion plant schon zwei Testsendungen im Herbst. "Gauck ist eine integrative Persönlichkeit", sagt Sprecherin Barbara Brückner. Über mögliche Talkgäste schweigt sie, bevorzugt würden aber "prominente Politiker".

Damit kommt zusammen, was zusammen gehört: Politiker interviewen Politiker. Sieht so das Infotainment der Zukunft aus? Angesichts der vielen talkenden Politiker scheint es fast so, auch wenn sich die Formate unterscheiden. So kommt Roman Herzog seit Februar staatstragend in die Wohnzimmer. Einmal im Monat gibt der Altbundespräsident im Bayerischen Fernsehen dem TV-Volk einen Ruck, allerdings "in Ruhe und Sorgfalt", wie er sagt.

Bissiger geht es zu, wenn der "Kurfürst von Köln", Ex-Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes, seine Späße im WDR treibt oder der Berliner Ex-Innensenator Heinrich Lummer auf den Stammtisch bei "TV Berlin" haut. Das Ziel bleibt gleich: durch die Sendungen und ihre Repräsentanten wird Aufsehen erregt. "Politiker sind lebende Werbeträger", begeistert sich "TV Berlin"-Chef Georg Gafron. Allerdings müssten sie erst Abstand zu ihrer früheren Aufgabe gewinnen, bevor sie ins TV wechseln.

Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden, Michel Friedman, sieht dieses Problem nicht. "Solange keine Interessen vermischt werden, ist das in Ordnung", sagte er dem Tagesspiegel. Für sich selbst erkennt Friedman keine Interessenskollision, auch wenn er sich als prominentes CDU-Mitglied öffentlich zur Spendenaffäre äußerte. Friedman will kein talkender Politiker sein: "Ich bin im vorpolitischem Raum tätig."

Die Sender erfreuen sich derweil an ihren Zugängen. Die Sprecherin von n-tv, Catrin Glücksmann, schwärmt von "hervorragenden Erfahrungen" mit den CDU-Größen Lothar Späth und Heinz Eggert. Selbst Politiker, die "nicht mehr an vorderster Front" stünden, seien kompetent, prominent und "nicht weniger neugierig als Journalisten".

Und die Eitelkeit? "Alle Moderatoren sind Gott sei Dank ein wenig eitel", antwortet Walid Nakschbandi, Chef der Produktionsgesellschaft AVE, die die Polit-Talks für n-tv produziert. "Wenn die Talkmaster mal länger reden, dient das meist der Erklärung von Zusammenhängen", sagt er. Und schlagfertig seien die meisten auch.

Dass Fernsehen Spaß macht, will Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm beweisen. Er soll ab Herbst auf Kabel 1 beim heiteren Beruferaten "Was bin ich?" auftauchen. Vielleicht bringt er ja noch ein paar Politiker mit.

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