Talkshow : Adlershof, mon amour

Noch drei Wochen, dann startet "Anne Will". Die Infrastruktur der wöchentlichen Talkshow steht.

Joachim Huber
Anne Will
Anne Will. -Foto: dpa

Phase drei ist erreicht. Phase drei steht für „inhaltliche Umsetzung“. Sie dauert bis 16. September, 21 Uhr 45. Dann zündet die ARD ihre neue Talkshow-Rakete: „Anne Will“, 60 Minuten je Ausgabe. Das Unternehmen ist Anfang Februar gestartet, als feststand, dass Anne Will, Moderatorin der „Tagesthemen“, ein neues Bildschirmleben beginnen wird. Ein Neuanfang, auch ein Wagnis. Entsprechend müssen alle Risiken bedacht und minimiert werden, denn die ARD erwartet nichts weniger als einen Erfolg auf Höhe von „Sabine Christiansen“. Das Vertrauen ist da. Der federführende Norddeutsche Rundfunk (NDR) hat mit der Will Media GmbH einen Dreijahresvertrag über jährlich 45 Sendungen abgeschlossen. In Senderkreisen wird die Summe von rund 25 Millionen Euro, die aus der ARD-Kasse an die GmbH fließt, kolportiert. Damit würde das Projekt ein klitzeklein wenig günstiger, als es „Sabine Christiansen“ war. An der finanziellen Ausstattung kann „Anne Will“ nicht scheitern.

Mark Nowak ist einer der geschäftsführende Gesellschafter der Will Media GmbH, die Mehrheit der Anteile liegt bei Anne Will selbst. Nowak ist gelernter Medienanwalt, er arbeitet für Will als (juristischer) Berater, seitdem die Journalistin Moderatorin der „Tagesthemen“ wurde. Der NDR ist Vertragspartner der Will Media GmbH, die wiederum auf eigener Vertragsbasis mit dem Studio Berlin und deren Tochter Cinecentrum kooperiert. Studio Berlin sitzt in Berlin-Adlershof, dort wird „Anne Will“ produziert. Die Redaktion der Talkshow – rund 20 fest angestellte Mitarbeiter und fünf Teilzeitkräfte, die erkennbar jünger sind als der durchschnittliche ARD-Zuschauer mit 59 Jahren – arbeitet an der Mauerstraße. „Wir haben uns etwa dreißig Locations angeschaut, ehe wir uns für das E-Werk und das Studio in Adlershof entschieden haben“, sagt Nowak. Keine einfache Entscheidung, besonders die Frage des Produktionsstandortes sei knifflig gewesen. Mobiles Studio mit wöchentlichem Auf- und Abbau? Neubau irgendwo im Regierungsviertel? Nach einigem Für und Wider war klar: Der Studiokomplex in Adlershof, Schauplatz der „Kanzlerduelle“, ist auf dem neusten Stand der Fernsehtechnik, Equipment und Personal seien hervorragend, Cinecentrum habe respektable Erfahrungen bei der Produktion von Talkshows. Ein Studio, betont der Geschäftsführer, sei außerhalb jeder Diskussion gewesen: die „Blaue Kugel“, in der Sabine Christiansen wöchentlich ihren Talk zelebrierte. Teurer laut Nowak, zudem sollte der Neuanfang, den „Anne Will“ darstellen soll, auch mit einem neuen Schauplatz dokumentiert werden.

Von der Atmosphäre her ist in Berlin-Adlershof der Hund begraben. Das weiß auch Nowak, aber er lächelt. Der Ort sei doch längst nicht so entscheidend wie seine gute Erreichbarkeit. „Von Mitte aus sind die Gäste in 20 Minuten bei uns.“ Auch partytechnisch ist vorgesorgt: Zum Studio gehört eine Lounge, in der die Gäste bestens betreut und bewirtet werden könnten, was die bisherigen zwei Probesendungen bewiesen hätten. Außerdem sei Studio Berlin sehr nahe zum Flughafen Schönefeld gelegen. Und wenn Berlin-Brandenburg International erst mal in Betrieb gegangen sein wird, dann ... Soll heißen: „Anne Will“ wird die erste Talkshow mit eingebauter Gangway sein.

Die Infrastruktur steht – auch das Konzept? Die Beteiligten Mark Nowak, Pressesprecherin Steffi Würzig und Redaktionsleiterin Cathrin Kahlweit, sagen Ja. Und schweigen. Und verweisen auf den 5. September, wenn die ARD zur Pressekonferenz bittet. Kahlweit, im früherem Leben leitende Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ mit reichlich Fernseherfahrung, bemüht das Ausschlussverfahren: „Mehr gesellschaftspolitischer Talk als klassischer Polit-Talk, eher eine kleine Runde als eine zu große, wenn möglich mehr Frauen als in der Vergangenheit.“ In dieser Woche hätte das potenzielle Thema von „Anne Will“ wohl in der Spanne zwischen „sozialer Gerechtigkeit“ und „Kinderarmut“ gelegen. Diskutiert hätte die Redaktion mit Anne Will, an deren finale Entscheidungsgewalt keiner ein Fragezeichen setzt, auch die Inder-Hatz in Mügeln oder Computerspiele. Alle Mühen der Will-Truppe wären vergeblich, wenn das Thema für die nächste Woche, so der vorwärtsgerichtete Anspruch, in den Sphären des Polit-Sprechs hängen bliebe. Der Bürger und niemand als der Bürger muss im Zentrum stehen.

Wenn der Bürger will, kann er auch im Studio mit den orangefarbenen Tönen sitzen. 80 Plätze sind reserviert, zwölf Euro kostet die Karte. Parkplätze reichlich vorhanden. Joachim Huber

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