Talkshow von Günther Jauch : Wie halten Sie es mit Pegida, Bernd Lucke?

Radikalisiert sich ein Teil unserer Gesellschaft? Die Talkrunde von Günther Jauch analysierte am Sonntag die Pegida-Proteste. AfD-Chef Bernd Lucke redete sich dabei um Kopf und Kragen.

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Günther Jauch ließ seine Gäste über die Gefahren der Pegida-Bewegung diskutieren. Foto: dpa
Günther Jauch ließ seine Gäste über die Gefahren der Pegida-Bewegung diskutieren.Foto: dpa

Die Talkshow „Günther Jauch“ wird nicht darüber entscheiden, was in Deutschland wirklich wichtig ist. Trotzdem ist und sie ein Indikator dafür sein, was wichtig genommen werden soll. In diesem Maßstab haben die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) was erreicht. Sie sind – nach „Anne Will“ und „Maybrit Illner“- auch in der zuschauerstärksten Talkshow des deutschen Fernsehens Thema: „Frustbürger und Fremdenfeinde – Wie gefährlich sind die neuen Straßen-Proteste?“

Gefährlich oder nicht, auf jeden Fall wollen die Wortführer wie Lutz Bachmann in Dresden nicht zu „Günther Jauch“ kommen. Die Pediga-Vertreter verweigern sich den Medien, selbst wenn ihnen der ARD-Talk 4,89 Millionen Zuschauer bietet. Das ist irritierend, speziell für die Medien, die von den Pegidisten als „Lügenpresse“ beschimpft werden.

Der erste Einspielfilm über die Hochburg Dresden zeigt, dass da keineswegs nur die Rechtaußen-Aktivisten marschieren, sondern viele aus der Mittelschicht kommen. Bernd Lucke, Vorsitzender der Alternative für Deutschland (AfD), möchte die Pegida-Leute in die AfD-Arme schließen. Eure Anliegen sind unsere Anliegen, wir haben ein Herz für alle Zukurzgekommenen, für die Politikverdrossenen, für Frustbürger. Lucke redet und wirbt, er teilt sich schier, als er die Wortführer „zwielichtig“ und deren Sorgen „legitim“ nennt. Außerdem sieht er sich ungerecht behandelt: Vier zu eins sei die Jauch-Runde gegen ihn auf- und eingestellt. Lucke will zwischen AfD und Pegida unterscheiden, er schafft es aber nicht, wenn er es überhaupt schaffen will.

Die Pegida-Vertreter bleiben bei Günther Jauch vor der Tür

Jens Spahn aus dem CDU-Präsidium möchte die Lucke-Partei auf Sympathie zu Pegida, auf Islamfeindlichkeit festnageln. Zugleich gesteht er zu, dass seine Partei manchen Ärger, manche Enttäuschung nicht bemerkt und wahrgenommen hat. Spahn ist nicht blind. Er sieht deutliche Versäumnisse, doch ein Wendehals ist er nicht, weder umwirbt er die AfD noch Pegida. Die SPD-Politikerin Gesine Schwan ist vor allem empört über Bernd Lucke und Geistesverwandte. Das ist ehrenwert, sozialdemokratisch, doch  muss tiefer getaucht, schärfer gedacht und argumentiert werden.

Günther Jauch agiert mit bewährter Karteikartengenauigkeit. Da ein Aspekt, dort ein anderer, da eine Aussage, dort eine Gegenrede, das von manchem Zuschauer vielleicht noch nicht erkannte Pegida-Phänomen bekommt Kontur und Gewicht. Eine Leistung, doch kein befriedigendes Ergebnis. Pegida bleibt – nach eigenem Willen – ad personam und in der Sache vor der Studiotür. Die Talkrunde arbeitet sich am Thema deswegen in Annäherungen, Erklärungsversuchen, mit Empörung und Verständnis ab – freilich mehr über AfD als über Pegida.

Kommunikationsforscher Wolfgang Donsbach rät - nicht weiter überraschend - den etablierten Parteien zur ernsthaften Beschäftigung, zur Wahrnehmung und nicht zur bloßen Ablehnung. Und zur Kommunikationskampagne. Donsbach lehrt und lebt in Dresden, der Stadt, wo am Montag auf der Straße protestiert wird gegen die „Fremden“. Schon phänomenal: Der Protest scheint dort am lautesten zu sein, wo es am wenigsten Fremde gibt. Die freien Radikale streuen weit.

Schwer therapierbare Spätpubertisten

Politikberater Michael Spreng sieht virulente Ängste der Bürger, partielles Versagen der Parteien und viel Fragwürdiges bei der AfD. Zu seinen Rezepten gehört: Es müsse für den Einwanderungsstaat Deutschland geworben werden. Dicke Überraschung. Unterm Strich: Spreng muss der Szene so fern sein wie Donsbach. Distanz fördert die Draufschau-Haltung. So wenig ist nicht genug.

Der Talk übersetzt das Thema in Sorgenfalten. Da sitzen eben Menschen, die etabliert sind, zum Establishment gehören. Die anderen werden behandelt wie schwer therapierbare Spätpubertisten, wie Sozialfälle ohne Sozialfall zu sein. Sind das nicht homophobe Egoisten, die hart angegangen werden müssen?

Die Mehrheit in der Jauch-Runde will solche Härte nicht. Ausgrenzen ist eine gesellschaftlich wirksame Waffe. Für einen Talk, der anzeigen möchte, was und wer wichtig genommen werden soll, kann das natürlich keine Haltung sein. Also auch nicht für Moderator Günther Jauch. Er wollte eine offene Diskussion, mit Pegida-Vertretern. Die ja nicht in seine Talkshow kommen wollten. Das muss wirklich beunruhigen. Menschen wie die „Patriotischen Europäer“ sagen Politik und Medien adieu. Radikalisiert sich ein Teil der Gesellschaft weiter? „Günther Jauch“ bittet im neuen Jahr wieder zum Talk. Dringend wieder zum Thema der Sendung vom Sonntag.

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