Medien : Tanz den Sozialismus

Sat 1 erinnert an die Jugend in der DDR – folkloristisch, aber auch nachdenklich

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Von Robert Ide

Die Augen von Stefan Kretzschmar sind weit geöffnet, sein Mund lacht. „Das war eine große Party, das Fest schlechthin“, erinnert sich der Handballer vom SC Magdeburg. Wochenlang habe er die richtigen Klamotten für den Anlass rausgesucht und sich am Ende doch irgendwie „katastrophal angezogen“ gefühlt. Wenn Stefan Kretzschmar so redet, dann spricht er nicht von seinem größten sportlichen Triumph und auch nicht von seiner ersten Liebe. Er spricht von seiner Jugendweihe in der DDR. Ein Ritual mit Schulklasse, Verwandtschaft und Gelöbnis. Das organisierte Ende der ostdeutschen Kindheit und der Start als sozialistische Persönlichkeit. „Für mich war das die Eintrittskarte in die sexuelle Welt“, sagt Kretzschmar. Und guckt dabei ganz ernst.

Zwölf Jahre nach der deutschen Einheit scheint es wieder Spaß zu machen, sich an die DDR zu erinnern. Zurückzudenken an Altstoffsammlungen in der Schule, Arbeitsgemeinschaften im Pionierhaus und Rockkonzerte im Jugendklub. Natürlich gehören auch die Wandzeitungen dazu, die Fahnenappelle, die Denkverbote. Wer an seine Jugend in der DDR denkt, der denkt an all die Kollektive von gleich gesinnten Menschen. Die Kollektive machten die DDR eng. Aber sie brachten auch eine Nähe, die mancher heute vermisst. Kein Wunder also, dass Sat 1 am heutigen Sonntag (22 Uhr 15) von den alten Zeiten im FDJ-Hemd erzählt. Unter dem reißerischen Titel „Busen, Broiler und Bananen“ erinnern sich Ostdeutsche wie Sängerin Nina Hagen oder Nachrichtensprecherin Angelika Unterlauf an das Essen in Mehrzweckgaststätten und den süßen Duft der Intershops.

Zuweilen wirkt der Film folkloristisch. Immer wieder werden Ostprodukte eingeblendet, und zu fetziger Musik winkt Erich Honecker den Jungen und Mädchen im Blauhemd zu. Doch es gibt auch nachdenkliche Momente. Etwa, als es um die Liebe geht. „Prüderie in der Erziehung kann Kinder später in Konflikte bringen“, hieß es einst belehrend im DDR-Fernsehen. Dazu wird der ostdeutsche Spielfilm „Sieben Sommersprossen“ gezeigt, in dem 14-Jährige nackt auf der Wiese liegen und sich küssen. War die DDR doch ein freies Land, wenigstens in der Liebe? Kareen Handrick, die Schauspielerin des Films, sagt: „Ich habe mich geschämt damals.“

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