Medien : Tatort auf Japanisch

Fulminante Action und karge Szenen – „Schattenlos“ ist ein Krimi mit Thrillerqualitäten

Markus Ehrenberg

Ein betrunkener Kommissar und seine Kusine unter Mordverdacht (München), die Tante von Lena Odenthal in einem sinistren Altenheim (Ludwigshafen) – wer die jüngsten „Tatort“-Folgen gesehen hat, könnte meinen, nun kommen auch schon die Ermittler aus zerrütteten Familien. Die Welt ist schlecht, das hat der „Tatort“ immer behauptet. Wer das nicht glauben will, sollte am Sonntag mit den Kölner Kommissaren Schenk und Ballauf losgehen und schauen, was aus Männerfreundschaften und zu großer Liebe werden kann. Die hitzigen Ermittler als Opfer der Bürokratie, eine unkonventionelle Story in kühlen, stilisierten Bildern und ein außergewöhnlich einsamer Täter – „Schattenlos“ (ARD, 20 Uhr 15) ist eine der depressiveren „Tatort“-Varianten.

Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) bemüht sich in seiner Bank um einen Kredit. Er muss die Zähne seiner Tochter bezahlen. Währenddessen wird der Geschäftsmann Stefan Kühn (großartig: Michael Mendl) als lebende Bombe von seinen Entführern in die Bank geschickt. Ein SEK-Team kommt, auch Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt), ein Wort- und Schusswechsel in der Bank, draußen fliegt ein Kiosk samt Besitzerin in die Luft, ein Kind wird schwer verletzt. Kühn kommt frei, die Entführer verschwinden mit einem Auto und drei Millionen Euro. Die Polizei tappt im Dunkeln. Wenige Spuren, wenige Verdächtige, viele falsche Fährten. Selbst der BND taucht auf. Das Geheimnis scheint in Kühns Ehe und seinem japanisch angelegten Domizil zu liegen.

Der Krimi wirkt anfangs wie ein klassischer Thriller. Action, Blut, Explosionen, Verfolgungsjagden, abgebrühte Gangster, schnelle Schnitte. Dann, plötzlich: Ruhe. Ein durchgestyltes, japanisches Haus, Haikus aus dem Munde eines Mannes, dem sie gerade eine Bombe vom Bauch genommen haben, lange, fast meditative Szenen, wortkarge Anspielungen, das Innenleben einer kaputten Ehe.

„Schattenlos“ kommt daher wie ein Film von Takeshi Kitano, Japans Meister des intelligenten, vielsagenden Action-Krimis („Hana-Bi"). Alles ist aufs Wesentliche reduziert. Es gibt wenig, das ablenkt. Vielleicht kann man Autor und Regisseur Thomas Stiller („Stille Nacht, heilige Nacht“) vorwerfen, dass er sich mit Alltagsrealismus nicht allzu lange aufgehalten hat, vor allem, was das Eifersuchtsmotiv und den Showdown betrifft. Man hat schon motiviertere Abrechnungen gesehen.

War das nun Erotikthriller, Psychothriller, Politthriller? „Für mich war es eine spannende Herausforderung, das Genre sanft zu revolutionieren. Ich wollte verschiedene Thriller-Qualitäten einbringen, anders als gewohnt herangehen“, sagt er. Dass das am Ende nicht ganz so depressiv rüberkommt, liegt am Kumpel-Charme von Schenk/Ballauf, der in den Totalen von Kühns durchdesigntem Haus genauso unterzugehen droht wie die Gefühle der Eheleute. Doch dann essen die Großstadt-Bullen eine Currywurst, und alles wird gut.

Sechs Jahre machen sie das jetzt schon. Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär sind die TV-Kommissare der späten 90er Jahre, der Zeit des Aufbruchs, vor der großen Rezession. Irgendwie merkt man das den beiden immer an. In ihren Geschichten wirken sie noch ein bisschen verlorener als die anderen „Tatort“-Kommissare. Nach einer Umfrage liegen die Kölner TV-Ermittler in der Beliebtheitsskala auf Platz 8 (Platz 1: die Münchner Batic und Leitmayr). Man fragt sich auch dieses Mal wieder: Wieso eigentlich? Die Welt kann so schlecht nicht sein, so lange Typen wie Schenk und Ballauf dagegen angehen, sensibel und fehlbar. Am Ende von „Schattenlos“ hat der Single Ballauf nicht nur den Fall gelöst, sondern – wie Takeshi Kitano in seinen Filmen – eine kleine Freundin dazu gewonnen.

Man kann sich sonntagabends öfters mal was Anderes vornehmen. Nicht heute. Alleine schon wegen Michael Mendl.

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