"Tatort" aus Österreich : Komplott in Babylon

Humorvoll, aber überladen: Der „Tatort: Zwischen den Fronten“ erzählt eine Verschwörungsgeschichte, in der es um soziale Netzwerke, Filz und Austrofaschismus geht. Für Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) gibt's also viel zu tun.

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Ein Auto fliegt vorm Wiener Palais Liechtenstein in die Luft, dabei stirbt ein junger Internetunternehmer mit irakischen Wurzeln. Galt das Attentat tatsächlich ihm? Oder doch einem US-Diplomaten? Das österreichische „Tatort“-Team ermittelt. Foto: RBB/ORF
Ein Auto fliegt vorm Wiener Palais Liechtenstein in die Luft, dabei stirbt ein junger Internetunternehmer mit irakischen Wurzeln....Foto: rbb/ORF/Petro Domenigg

„Den ganzen Tag hängst du an dem Kastel herum“, pflaumt Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) seine Tochter an. Die chattet gerne bei comet, einer Internet-Plattform gegen die Einschränkung von Bürgerrechten. „Seids ihr auch für etwas?“, fragt Eisner scheinheilig, ganz der sture Papa und staatstreue Oberstleutnant des österreichischen Bundeskriminalamts. Doch seine Staatstreue wird bald arg auf die Probe gestellt. Dann dreht selbst Eisner das Autoradio auf, wenn er mit seiner Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) über den neuen Fall spricht. Ihre Sorge, dass da jemand mithört, ist begründet, wie die später im Büro entdeckten Wanzen beweisen.

Ihr neuer Fall, der fünfte gemeinsame „Tatort“ des Duos Eisner/Fellner: Der Gründer von comet, ein junger Österreicher irakischer Herkunft, wurde als Gastredner zu einer Konferenz der Vereinten Nationen über Sicherheit im Internet-Zeitalter eingeladen. Bei der Ankunft vor dem Wiener Palais Liechtenstein fliegt sein Auto in die Luft und reißt ihn selbst und einen Polizisten in den Tod. Der Leiter der Versammlung, ein amerikanischer Diplomat, war ebenfalls gerade vor dem Palais vorgefahren, bleibt aber unverletzt. Ein Selbstmordattentat also? Die Ermittlungen übernimmt das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT).

Eisner und Fellner müssen auf das Kommando der blassen, verkniffenen Melanie Warig (Susanne Wuest) hören, was gleich mal zu einem hübschen Tobsuchtsanfall Eisners führt. Aber auch Major Warig ist nur die Marionette in einem politischen Komplott. Drehbuchautorin Verena Kurth und Regisseur Harald Sicheritz erzählen hier eine Verschwörungsgeschichte, von einem unkontrolliert operierenden Staat im Staate, der Beweismittel und manchmal sogar Leichen beiseiteschafft.

Unüberhörbar und etwas aufdringlich wird auch der sprachliche Mischmasch in der Vielvölkerstadt Wien aufs Korn genommen. Egal ob amerikanische Diplomatenkinder, bosnische Einwanderer oder pakistanische Kioskbesitzer – da hebt an der Donau ein einziges Radebrechen an. Wien, das moderne Babylon. Aber was soll uns das eigentlich sagen? Die Welt ist bunt – und anstrengend? Der ORF-„Tatort: Zwischen den Fronten“ hat sich viel aufgeladen, zu viel: Social Media, Überwachungsstaat, unkontrollierte Geheimdienste, politischer Filz, Austrofaschismus, Islamhass, Terrorismusbekämpfung, die Folgen der Kriege am Golf und auf dem Balkan. Ach ja, und um Liebe und Eifersucht geht es auch noch.

Ein Drehbuch wie eine Karussellfahrt auf dem Prater, bei der einem leicht schwindlig werden kann. Unterwegs bleiben einige Figuren und Handlungsstränge auf der Strecke. Aber mit bierernster Krimilogik allein darf man diesem Film auch wieder nicht kommen. Wir sind ja in Wien, dem Schauplatz der „Tatort“-Reihe mit dem schönsten Humor, und in Österreich, der Heimat der deutschsprachigen schwarzen Komödie. Das funktioniert nicht nur auf der Kinoleinwand wie beim „Knochenmann“, sondern auch im kleinen Format, im Fernsehen.

Während die Pointen im westfälischen Münster-„Tatort“ eher künstlich hineinoperiert wirken, sind die Figuren hier und ihr etwas schmieriger „Schmäh“-Witz satirische Miniaturen. Wien gibt einfach mehr her als Spielfläche für überzeichnete Geschichten und skurrile Charaktere, auch wenn Inkasso-Heinzi diesmal nicht mitmischen darf (nur noch sein tiefergelegtes Auto). Und zweifellos hat der ORF-„Tatort“ seit dem Einstieg der komödiantischen Spitzenkraft Adele Neuhauser vor zwei Jahren enorm an Unterhaltungswert gewonnen. Ohne Bibi und ihren charmanten Hang zu schillernden Ex-Freunden mag man sich den österreichischen Beitrag zur ARD-Krimireihe gar nicht mehr vorstellen. Statt Inkasso-Heinzi taucht diesmal allerdings Basti auf, ein Oberst beim militärischen Abwehramt. Keine Frage, wer der sympathischere von beiden ist.

Basti zählt zu einem Kreis Ewiggestriger, die unterm Kruckenkreuz, dem Symbol des Austrofaschismus zwischen 1933 und 1938, von der Rückkehr eines starken Staates träumen. Ein Männerbund in schönster österreichischer Spießigkeit: Hier hat noch der alte Herr Hofrat das Sagen, und die Drecksarbeit verrichtet ein Autohändler. Es hat etwas Befreiendes, wenn Bibi mit einem Auspuffrohr dazwischenfährt und wenn ausgerechnet „die beiden drolligen Gestalten“, wie Eisner und Fellner vom karrieregeilen Verfassungsschützer Michalski (Alfred Dorfer) abschätzig bezeichnet werden, dem Spuk ein Ende bereiten. Aber tun sie das wirklich? Die angemessen böse Schlusspointe lässt eher vermuten, dass Eisner in Zukunft nur noch Radio im Auto hört.

„Tatort: Zwischen den Fronten“, ARD, 20 Uhr 15

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