Tatort aus Weimar : Nora Tschirner und Christian Ulmen: "Wir sind Mezzomix"

"Der treue Roy", der dritte „Tatort“ mit Nora Tschirner und Christian Ulmen. Ein Gespräch über Harald Martenstein, eigene Perfektion - und Cola.

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Zwei Herzen für Weimar. Was 2013 als einmaliger „Eventfilm“ aus Thüringen gestartet war, wird jetzt zur Gewohnheit: Der „Tatort“ mit Nora Tschirner und Christian Ulmen wird schon in diesem Jahr zwei Mal im Ersten laufen.
Zwei Herzen für Weimar. Was 2013 als einmaliger „Eventfilm“ aus Thüringen gestartet war, wird jetzt zur Gewohnheit: Der „Tatort“...Foto: imago/Thomas Müller

Frau Tschirner, Herr Ulmen, ...

ULMEN: Der Tagesspiegel, wie schön! Mit Ihrer Zeitung verbinde ich große Freude und gleichzeitig tiefe Verletzung.

Warum das?

ULMEN: Im Tagesspiegel stand meine erste böse Kritik. Es ging um den Film „Herr Lehmann“. Harald Martenstein schrieb, ich sähe aus wie Johannes B. Kerner.

TSCHIRNER: Mich hat der Tagesspiegel auch mal runtergemacht.

Und was geschrieben?

TSCHIRNER: Habe ich verdrängt. Ist für alle besser so.

ULMEN: Später nannte ich Martenstein in der „Vanity Fair“ passenderweise „Holundergesicht“. Also alles wieder gut!

Worüber wollen wir reden: Kapitalismus, Sozialismus, vegane Ernährung, links-rechts?

TSCHIRNER: Ganz ehrlich, dieses Links-Rechts-Ding ist doch vorbei, oder? Außerdem: Wollen wir an dieser Stelle wirklich über Politik diskutieren?

Deswegen sind wir hier! Wir können aber auch darüber reden, dass Sie beide im „Tatort“ so reden wie im wirklichen Leben. Ein Beispiel: Sie beide sagen gefühlt zwanzig Mal „ganz ehrlich“.

ULMEN: Ganz ehrlich? Ist mir nicht aufgefallen. Daran sind natürlich die Drehbuchautoren schuld. Wir können nichts dafür.

TSCHIRNER: Das kommt vielleicht daher, dass die Autoren uns beiden ziemlich aufs Maul schauen. Das ist schon sehr nahe an der Realität.

Wir hatten den Verdacht, dass Sie sich Ihre Dialoge vielleicht gleich selber schreiben?

ULMEN: Nein, nein, das machen zunächst die Autoren. Und die machen das wirklich sehr gut.

TSCHIRNER: Die Dialoge sind so geschliffen, dass es da kaum etwas zu verbessern gibt.

Wie in diesem Interview.

TSCHIRNER: Herr Ulmen und ich arbeiten sehr gerne mit Textbausteinen. Sie werden also in anderen Interviews wiederfinden, was wir Ihnen hier sagen werden. Das stört Sie hoffentlich nicht, oder?

Überhaupt nicht. Sie arbeiten hart an Ihrer Perfektionierung, ist das richtig beobachtet?

ULMEN: Perfektion ist ein Abfallprodukt unserer Arbeit. Das passiert einfach, ohne unser Zutun.

TSCHIRNER: Ich verstehe schon, was Sie meinen ...

... ist das wirklich wahr?

TSCHIRNER: Doch, doch. Perfektion ist wichtig, aber man muss den Protagonisten ihre Dialoge schon noch glauben. Ein bisschen menscheln muss es auch im „Tatort“. Aber wenn es vollumfänglich zugehen soll wie im wirklichen Leben, bräuchte man ja keine fiktionalen Filme mehr zu drehen.

Kann man Ihren „Tatort“ noch einen klassischen „Tatort“ nennen. Oder versuchen Sie etwas Neues?

ULMEN: Red Bull hat eine Cola rausgebracht und versucht, sie unter einem neuen Label, schlicht „Cola“, zu vermarkten – man sagt, das sei nicht erfolgreich verlaufen. Hätten sie ihre Cola unter dem Label Red Bull verkauft, wäre sie bestimmt ein Renner geworden.

Was wollen Sie uns damit sagen?

TSCHIRNER: Das würde mich jetzt auch mal interessieren.

ULMEN: Dass wir die Cola unter den „Tatorten“ sind und Das Erste trotzdem „Tatort“ draufschreibt. Richtig so. Die Stärke des „Tatortes“ ist ja, dass er sich immer wieder verändert und Neues ausprobiert. Deshalb gibt es ihn auch schon so lange.

Haben wir Sie richtig verstanden, haben Sie gerade durch die Blume gesagt, dass Sie ohne „Tatort“ nichts wären, eine Cola unter anderen?

ULMEN: So kann man das ...

TSCHIRNER: ... nee, nee, nee, lass das mal so stehen. Ich finde das ganz hübsch. Aber außerdem finde ich, dass der Vergleich doch sehr hinkt. Flamingomäßig. Absolut appes Bein.

ULMEN: Vergleiche hinken ja immer. Aber wenn die Frage war, ob unser „Tatort“ zur Marke „Tatort“ passt, dann kann ich nur sagen: na klar! Der „Tatort“ lebt, weil er sich immer neu erfindet. Wir sind Mezzomix.

TSCHIRNER: Oh Gott. Was denn nun noch. Schlumpfbrause oder was.

ULMEN: Typisch Nora.

„Der treue Roy“ ist Ihr dritter „Tatort“ – ist es auch Ihr bester bisher?

ULMEN: Das kann ich selber schwer bis überhaupt nicht einschätzen – und das ist keine Koketterie.

TSCHIRNER: Dazu fehlt noch der nötige Abstand. Da fällt es schwer, ein ausgewogenes Urteil zu fällen.

Haben Sie den fertigen Film schon gesehen? Die Bildsprache ist doch einigermaßen ungewöhnlich, wenn nicht sogar aufregend.

TSCHIRNER: Haben wir, und Sie haben recht, die Bildsprache ist ungewöhnlich. Wenn nicht sogar aufregend.

ULMEN: Dass da etwas Besonderes entsteht, das ist uns schon während des Drehs aufgefallen.

Wie das?

ULMEN: Die Kamera stand nie da, wo sie sonst immer steht. Man konnte schon während der Dreharbeiten ahnen, dass visuell etwas geschieht, das es so vielleicht sehr selten im „Tatort“ gegeben hat.

TSCHIRNER: Wir sind ja immer noch dabei, unseren eigenen Stil zu finden. Man könnte auch sagen zu entdecken. Das Projekt „Tatort“ hat ja gerade erst begonnen – jedenfalls für uns.

Kannten Sie die Autoren, die die Drehbücher zu all ihren „Tatorten“ geschrieben haben, schon, bevor Sie anfingen?

ULMEN: Ich kannte Murmel Clausen schon von anderen Arbeiten. Als der MDR einen neuen „Tatort“ wollte, haben wir zusammen mit Murmel Clausen ein Konzept entwickelt – und den Zuschlag bekommen.

TSCHIRNER: Ich habe nur deshalb zugesagt, weil Christian mit dabei sein sollte, der mir gesagt hat, er vertraue Murmel Clausen voll und ganz. Ich kann nur sagen, es hat sich gelohnt.

Da Sie ja furchtbar in Eile sind, hier die beste Frage zum guten Schluss: Wie lautet die Frage, die Sie nie beantworten würden?

TSCHIRNER: Kann ich Ihnen sagen: diese!

ULMEN: Ganz ehrlich? Wie ertragen Sie diese freche Berliner Kodderschnauze tagaus, tagein? Ein Scherz, Nora, ein Scherz! Eigentlich gibt es keine Frage, auf die ich nicht antworten würde. Es gibt auf alles eine Antwort.

TSCHIRNER: Man kann ja auch antworten, ohne etwas zu sagen. Und es kann ja auch richtig Spaß machen, solche Fragen zu beantworten. Aber eine Frage finde ich doch ziemlich nervig: Wie viel von Ihnen selbst steckt in der Person, die Sie spielen? Da schlafen mir spontan die Füße ein. Und vieles andere mehr. Kein schönes Gefühl, so viel kann ich Ihnen verraten.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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