''Tatort'' : Das Chamäleon

Ermittler zwischen zwei Welten: Mehmet Kurtulus ist der neue „Tatort“-Kommissar in Hamburg.

Sonja Pohlmann
Tatort
Einzelkämpfer. Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) arbeitet als verdeckter Ermittler in Hamburg. -FFoto: NDR

Als er den Mann erschießen soll, muss er aufgeben. Bis hierhin war alles reibungslos verlaufen. Der größte Geldwäscher der Stadt wollte ihn in seinen Kreis aufnehmen, dann verlangte er jedoch einen letzten Vertrauensbeweis: den Mann zu töten. So weit kann Thierry aber nicht gehen. Er hat sich nur als Franzose getarnt in die Bande eingeschlichen, um sie auffliegen zu lassen. Sein richtiger Name: Cenk Batu, er ist Hauptkommissar, verdeckte Ermittlungen sind sein Spezialgebiet.

Wenn Mehmet Kurtulus heute zum ersten Mal in „Auf der Sonnenseite“ als neuer Hamburger „Tatort“-Kommissar Batu zu sehen ist, wird schnell klar, dass er den Krimiklassiker kräftig aufwirbeln wird. Es gibt kein Präsidium, keinen Pathologen, keine Spurensicherung, kein Auto, mit dem er zum Tatort fährt. Noch nicht einmal einen Partner hat er an seiner Seite – Cenk Batu geht als Solist auf Verbrecherjagd.

Dass er auch der erste türkischstämmige „Tatort“-Kommissar ist, findet Kurtulus dagegen weniger erwähnenswert. Vielmehr sei es ein „Wehrmutstropfen“, dass dieser Schritt nicht als selbstverständlich angesehen wird.

Tatsächlich gibt es mit dem Münchner „Tatort“-Kommissar Ivo Batic, gespielt vom gebürtigen Kroaten Miroslav Nemec, schon längst einen Ermittler mit Migrationshintergrund. Doch selten wird Batics Herkunft thematisiert. Das wird bei Batu anders sein – allerdings war der NDR so klug, nicht die üblichen Klischees zu bedienen. Batu kann mit Döner nicht viel anfangen, zu Hause hat er keine Großfamilie sitzen und Deutsch spricht er viel besser als Türkisch. Ähnlich geht es Kurtulus, der 1972 in der Türkei geboren wurde und mit seinen Eltern als knapp Zweijähriger nach Salzgitter zog. Entdeckt wurde er von Evelyn Hamann, die ihm eine kleine Rolle gab, bekannt machte ihn Fatih Akins Film „Kurz und schmerzlos“. Heute lebt Kurtulus in Berlin und ist mit der Schauspielerin Désirée Nosbusch verheiratet.

Dass er jetzt Lust hatte, in Hamburg die Nachfolge von Robert Atzorn und dessen griesgrämigem Kommissar Casstorff anzutreten, liegt einerseits an der Möglichkeit, das Konzept der Serie mitgestalten zu können. Andererseits reizte es ihn, in dem Format seine Rolle über mehrere Folgen weiterzuentwickeln. Erreichen will Kurtulus dabei vor allem eines: dass „die Leistung zählt, nicht das Tükischsein.“

So präsent wie Batu war wohl selten ein „Tatort“-Kommissar. Bis auf eine Ausnahme ist er in fast jeder Szene zu sehen. Der Zuschauer beobachtet ihn bei jedem Schritt, weiß nie mehr als der Ermittler selbst. Anweisungen bekommt Batu von seinem Vorgesetzten Uwe Kohnau (Peter Jordan), der ihn gleich nach dem geplatzten Geldwäscher-Fall erneut beauftragt, es geht ins türkische Milieu Hamburgs. „Sollen wir da etwa einen blonden Heinz hinschicken?“, fragt Kohnau, als Batu zuerst keine Lust hat. Als türkischer Kleinkrimineller getarnt geht Batu also ins Krankenhaus, wo er Kontakt zu Deniz Nezrem (Burak Yigit) aufnehmen soll. Der Teenager, der dort nach einer Messerattacke gepflegt wird, gehört zum hermetisch abgeriegelten Nezrem-Clan. Batu soll über Deniz an dessen Onkel und Clanfürsten Tuncay Nezrem (Aykut Kayacik) herankommen, der nicht nur mit Obst- und Gemüse zu handeln scheint. Schneller als geplant steckt Batu mittendrin im Clan. Wie ein Chamäleon muss er sich zwischen zwei Welten bewegen: auf der einen Seite den Kriminellen mimen, auf der anderen Seite seine Ermittlungen voranbringen – stets unter der Gefahr, dass seine wahre Identität auffliegt.

Autor Thorsten Wettcke und Regisseur Christoph Silber bieten mit „Auf der Sonnenseite“ die perfekte Plattform, um sich mit den Besonderheiten Batus vertraut zu machen, Kameramann Richard Huber zeigt Hamburg in seiner Vielfältigkeit, von der Hafencity über den Kiez bis hin nach Wilhelmsburg und in die hübschen Villenviertel. Hier und nicht etwa in einer Betonburg haust der Clan-Chef, der sich lieber vom Mammon als von Mohammed führen lässt. „Multikultisoße“, wie Kurtulus sie vermeiden will, wird in diesem „Tatort“ wahrlich nicht ausgegossen.

„Tatort: Auf der Sonnenseite“, ARD, 20 Uhr 15

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