Medien : "Tatort": Der Studienrat als Kommissar

Robert Bongen

Er war der Pfarrer, der Kapitän, vor allem aber war er der Lehrer: Robert Atzorn. Obwohl es fast drei Jahre her ist, dass Dr. Specht zum letzten Mal die Tafel putzte, ist Atzorn für viele Fernsehzuschauer immer noch der sympathische Studienrat, der so manchem Schüler auf den Pfad der Tugend verhalf. Abwarten, was passiert, wenn er jetzt Kommissar wird, "Tatort"-Kommissar in Hamburg, der Stadt, in der er aufgewachsen ist. In dieser Woche begannen die Dreharbeiten für den NDR-Krimi "Hasard!", einer Geschichte im Milieu von Börse und New Economy. Verheißungsvoll, wie Atzorn sagt: Sein erstes Wort als Hauptkommissar Jan Casstorff beim Anblick einer Leiche lautete "Scheiße!". Dabei ist der neue Ermittler beim NDR alles andere als emotional. Der ehemalige Psychologie- und Jura-Student löst seine Fälle "mit Köpfchen", verabscheut Gewalt und macht Aikido und Yoga. "Casstorff ist ein Meister des Verhörs", sagt der 55-Jährige über sein Alter Ego, "er hat Verständnis sowohl für Opfer als auch Täter, berücksichtigt, dass jeder Mensch eine Biografie hat." Auch die Biografie des Hauptkommissars selbst soll laut Regisseur Thomas Bohn, der die Bücher für die beiden ersten Atzorn-"Tatorte" schrieb, eine große Rolle spielen: Während des Studiums wird seine Freundin schwanger, sie will das Kind nicht und geht nach Amerika. Casstorff nimmt den Jungen zu sich und hat es als allein erziehender Vater oft nicht leicht.

Ihm zur Seite steht der bodenständige Oberkommissar Eduard Holicek, dargestellt von Tilo Prückner, Atzorns Wunschpartner. Beide kennen sich schon lange, standen einst im Münchner Residenztheater zusammen auf der Bühne. Der Zweiteiler "Ein Mann steht auf" war für sie 1999 eine Art Warm-Up im Krimi-Genre. Damals kam auch der NDR auf die Idee, Atzorn und Prückner zu den Nachfolgern der legendären "Tatort"-Kommissare Manfred Krug und Charles Brauer alias Stöver und Brockmöller zu machen. Komplett wird das Ermittler-Team mit Julia Schmidt, die die junge Polizistin Jenny Graf spielt, ebenfalls mit dem Dienstgrad einer Kommissarin - Assistenten gibt es im neuen NDR-"Tatort" nicht mehr.

Dass es für die Darsteller nicht ganz einfach ist, in die großen Fußstapfen von Krug und Brauer zu treten, das gibt Atzorn unumwunden zu. Einerseits sei die Rolle eine Auszeichnung, andererseits aber natürlich schon ein Risiko. "Aber wir versuchen die Erwartungen einfach wegzuschieben und unser Ding zu machen." Will heißen: Sozialkritische, psychologische Geschichten als Krimi maskiert zu erzählen, moderner und schneller als die bedächtigen Krug/Brauer-"Tatorte". Und nicht zu singen. Wir werden sehen, im Herbst.

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