"Tatort" : Die Farbe der Erinnerung

Schwarz-Weiß statt Weiß-Blau. Der 75. BR-"Tatort"

Katrin Hillgruber

Was waren das noch für beschauliche Zeiten, als mitten im Schlussverkaufsgewühl eines Münchner Kaufhauses plötzlich ein Messer emporschnellte. Sekunden später sank der unbeliebte Abteilungsleiter Spränger bewusstlos auf einer Sonderverkaufsfläche nieder. Oberinspektor Melchior Veigl ließ Dackel, Bier und Weißwürste stehen und eilte zu seinem zehnten Fall. Dem gutmütigen Grantler gab der unvergessene Gustl Bayrhammer sein Gepräge. Begonnen hatte die bayerische „Tatort“-Ausgabe mit „Münchner Kindl“ vom 9. Januar 1972. Darin entführte eine psychisch kranke Frau ein kleines Mädchen – eine unblutige und trotzdem spannende Sache, wie sie heute höchstens noch im „Polizeiruf 110“ denkbar wäre.

Der 75. Jubiläums-„Tatort“ aus München mit dem aparten Titel „Der oide Depp“ hat seinen kriminalistischen Urgrund im Sommer 1965, damit reicht er noch weiter zurück als Veigls Dienstzeit. „Als klar war, dass wir auch einige alte schwarz-weiße Archivaufnahmen aus der legendären Polizeiserie ‚Funkstreife Isar 12’ von 1960 bis 63 in der Regie von Michael Braun verwenden, fiel die Entscheidung, die Vergangenheit insgesamt in Schwarz-Weiß zu halten“, erklären Regisseur Michael Gutmann und Kameramann Kay Gauditz, die ein Buch von Alexander Adolph verfilmten.

Ausgehend von der Frage „Welche Farbe hat die Erinnerung?“ wagt „Der oide Depp“ ästhetisch Ungewöhnliches: Der Film spielt auf zwei Ebenen, 1965 und heute, alle wichtigen Rollen wurden doppelt besetzt. Die Musik, Inneneinrichtung, Kostüme und Föhnfrisuren sind perfekt jener Zeit nachempfunden, als die Polizei noch mit dem flaschengrünen BMW 501, dem „Barockengel“, auf Streife ging. Das bereitete der Szenenbildnerin Jana Karen einige Mühe: unverfälschte 1960er-Jahre-Architektur ist in deutschen Großstädten kaum mehr zu finden.

Unter der Rubrik „Wo Herren unter sich sind“ nennt der Stadtführer „München – wo?“ aus dem Jahr 1968 auch die Nachtbar „Katz und Maus“. Am 24. Juli 1965 will der junge Polizist Bernie (Christoph Bach, der fürs ZDF Rudi Dutschke spielen wird) während der nächtlichen Streife im einstigen Rotlichtmilieu in der Innenstadt auf einen Sprung bei seiner Freundin Gertrude alias Gina vorbeischauen. Sein Kollege Hubi (Thomas Unger) will ihn davon abhalten, doch zu spät: Gina (Muriel Roth) liegt erstochen in einer dunklen Blutlache auf dem Fußboden. In seiner Verliebtheit hatte Bernie hartnäckig verdrängt, dass Ginas Tätigkeit im „Katz und Maus“ sich nicht nur auf die Theke, sondern auch die Séparées bezog. Der letzte Kunde wurde ihr zum Verhängnis. Halbweltkönig Robert „Roy“ Esslinger hatte ihn der etwas naiven Schönheit vom Bodensee als eine Art Ablösepfand aufgedrängt. Einige Zeit später wird Ginas Freundin Johanna Wiesnet ebenfalls brutal ermordet.

Mehr als vierzig Jahre später taucht die registrierte Tatwaffe vom Mord an Gina, ein Stilett, bei Esslingers Rückkehr aus den USA in dessen Auto wieder auf: Der Auftakt einer Paraderolle für Jörg Hube als vor Selbstbewusstsein und Mutterwitz strotzendem Fiesling in Shorts und Hawaiihemd. Da Mord bekanntlich nicht verjährt, wird der spektakuläre Fall wieder aufgerollt. Er landet auf den Schreibtischen der Kriminalhauptkommissare Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl). Zur Unterstützung erhalten sie das urbayerische Faktotum „Opa Sirsch“, unnachahmlich dargestellt von Fred Stillkrauth. „Des Emil, des koa i net“, wehrt er ab, als er eine E-Mail bearbeiten soll. Was schlummert in diesem Mann, diesem scheinbaren „Deppen“, was hat er mit den Vorgängen von damals zu tun? Schleichend bemerken die Kommissare, dass sich ein unsichtbares Netz zusammenzieht. Alles läuft auf einen Zweikampf zu, auf den traurigen Höhepunkt eines außergewöhnlichen „Tatorts“, der nicht zuletzt vom Reichtum des Dialekts lebt. Katrin Hillgruber

„Tatort: Der oide Depp“,

ARD, 20 Uhr 15

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