''Tatort'' : Falsche Zeit, falscher Ort

Nach der Brandkatastrophe: Warum die ARD ihren Krimi nicht ausstrahlt und den Ludwigshafener „Tatort“ im türkischstämmigen Milieu im Programm nach hinten verschiebt.

Tatort
Der neueste Fall von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts mit Andreas Hoppe und Ferhat Kaleli v.li.) dreht sich um einen Mord an einem...Foto: SWR

Es brennt in diesem „Tatort“ weder ein Haus, noch wird ein Mensch ermordet, nur weil er Ausländer ist. Doch „Schatten der Angst“ spielt im türkischen Milieu, noch dazu in Ludwigshafen, wo sich am vergangenen Sonntag eine Brandkatastrophe ereignete, bei der neun Türken ums Leben kamen. Ob es sich dabei um einen Anschlag gehandelt hat oder es eine andere Ursache gab, ist noch unklar. Trotzdem hat sich die ARD gestern entschlossen, den „Tatort: Schatten der Angst“ mit Ulrike Folkerts am Sonntag nicht auszustrahlen und auf den 6. April zu verschieben. „Mit dieser Entscheidung nehmen wir Rücksicht auf eine große Trauergemeinde, deren Gefühle wir nicht verletzen wollen“, sagte SWR-Intendant Peter Boudgoust. Türken und Deutsche weit über Ludwigshafen hinaus würden in diesen Tagen nach der Brandkatastrophe Anteil am Schicksal der Opfer nehmen. In dieser Situation hätte die Gefahr bestanden, dass der „Tatort“ völlig falsch verstanden werde. Boudgoust verwies darauf, dass es sich bei „Schatten der Angst“ um eine stimmig inszenierte, spannende Liebesgeschichte handele, die zwar im deutsch-türkischen Milieu spiele, mit der aktuellen Diskussion um die Hintergründe des Großbrandes in Ludwigshafen aber nichts zu tun habe.

Schon die Ende Dezember ausgestrahlte „Tatort“-Folge „Wem Ehre gebührt“ des NDR war nachträglich heftig kritisiert worden. Die Religionsgemeinschaft der Aleviten hatte protestiert, weil der Krimi das Thema Inzest aufgegriffen hatte – ein Stigma, mit dem die Aleviten seit langem belegt werden. Hat Deutschlands beliebtester Fernsehkrimi plötzlich ein Problem mit der Wirklichkeit? Zunächst: „Schatten der Angst“ ist ein „Tatort“ der besseren Sorte. Lena Odenthal ermittelt nach dem Mord an einem türkischen Geschäftsmann. Schnell wird klar, dass es sich um keinen fremdenfeindlichen Hintergrund handelt, sondern um einen innerfamiliären Konflikt nach einer Zwangsheirat im türkischstämmigen Milieu. Neben SPD-Chef Kurt Beck hatten auch das Soziale Netzwerk Deutschland und Vertreter der Linkspartei am Donnerstagmittag die Verschiebung des „Tatorts“ gefordert. Der SWR ließ sich bis zum Nachmittag Zeit, um die Verlegung bekannt zu geben (statt dessen wird am Sonntag der Odenthal-Krimi „Roter Tod“ wiederholt). „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagte Boudgoust. Seit Bekanntwerden der Ereignisse in Ludwigshafen habe man eine Verschiebung des „Tatort“ diskutiert: „Eine Entscheidung von dieser Tragweite muss sorgfältig erwogen werden. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und brauchen in Sachen Pietät keine Nachhilfe von der Politik.“

Nicht unbedingt die Entscheidung, aber die politischen Forderungen zogen auch Unverständnis nach sich. Lothar Bisky, medienpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, wies das Anliegen seiner Parteifreunde zurück. „Ich kann diese Forderung nicht unterstützen, für solche Eingriffe in die Medien bin ich nicht so schnell zu haben“, sagte Bisky dem Tagesspiegel. Auch die Organisation der Aleviten lehnt eine Verschiebung des „Tatorts“ ab, obwohl bei dem Brand in Ludwigshafen neun Mitglieder der Gemeinschaft starben. Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, sagte dem Tagesspiegel: „Grundsätzlich darf ein ,Tatort’ natürlich auch im Migrantenmilieu spielen. Dass dabei jedes Mal alle aufschreien, kann nicht angehen.“ Mit Blick auf den geplanten „Tatort“ bestehe allerdings die Gefahr, dass die türkischen Medien den Fall reißerisch gegen Deutschland missbrauchen könnten. Verschwörungstheorien seien in den Medien der Türkei sehr beliebt. Ulrike Folkerts, seit Jahren erfolgreichste „Tatort“-Ermittlerin, kann die Entscheidung der ARD nachvollziehen. „Die Wogen sind zu hoch geschaukelt. Dieser sensible Film würde im Moment missbraucht werden, von allen Seiten.“ Martin Eigler, Autor und Regisseur von „Schatten der Angst“, wünscht sich, „dass der Film mit seinen leisen Zwischentönen differenziert wahrgenommen wird, und das ist in dieser angespannten Stimmung zurzeit vermutlich nicht möglich.“Siehe auch Seite 36

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