Tatort : Im dritten Wotan-Wilke-Möhring-„Tatort“ kommt das Böse von oben

Die ARD-Reihe mit Kommissar Falke führt immer immer tiefer in die Einsamkeit. Selbst der schönen Kollegin zeigt der Cop die kalte Schulter.

Nikolaus von Festenberg
Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring, li.) mit Kollege Jan Katz (Sebastian Schipper).
Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring, li.) mit Kollege Jan Katz (Sebastian Schipper).Foto: NDR/Boris Laewen

Verglichen mit diesem kargen Wattwegläufer Thorsten Falke ist einer seiner „Tatort“-Vorfahren im Kommissars-Amt, Schimanski, geradezu ein Kommunikationsgenie. Schimanski hatte noch Pommesbude, Duisburg und Parka. Falke hat gar nichts. Wotan Wilke Möhring spielt einen vollkommen Heimatvertriebenen. Erst in Hamburg-Blankenese auf Feuerteufeljagd, dann auf der Nordseeinsel Langeoog hinter einem Mörder her und diesmal inmitten der großen Leere des Tiefwasserhafens „Jade Weser Ports“, zur Zeit noch eine einzige Investitionsruine.

Das ist künstlerisch konsequent. Die vom NDR verantwortete Falke-„Tatort“-Reihe führt, der Name verpflichtet, immer tiefer in die Night-Hawks -Einsamkeit. Gut, den alten Falke-Kumpel Jan Katz (Sebastian Schipper) gibt es noch, aber die Lebenslinien driften auseinander, bei Katz in Richtung Familienglück, bei Falke, dem romantischen Klemmi, in ein Kameraderie-Utopia ohne innere Verpflichtungen, wo man das Maul nicht mehr zur Erklärung seiner selbst aufmachen muss, weil das Meeresrauschen alles sagt.

Und die Weiber? Besser man siezt sich konsequent mit seiner Polizeikollegin Katharina (Petra Schmidt-Schaller). Die ist blond, schön und erscheint unenttäuschbar höflich zugewandt zu Falke, dem Kommissarsdepri an ihrer Seite. Was soll sie auch machen, in diesem „Tatort“ namens „Kaltstart“, wo mögliche aktuelle Leidenschaft in den Kühlschrank kommt und höchstens aufflammt, was vergangen ist?

Beobachter werden beobachtet

Das Ortlose trifft das Ortlose, wenn sich am Beginn die Pandora-Büchse der modernen „Tatort“-Plagen öffnet. Was bedeutet dann eigentlich noch das Branding „Tatort“, wenn die globalen Plagen auf dem gesamten Erdkreis spielen könnten, also überall und nirgends? Ein Containerschiff aus Afrika kommt über den Jadebusen, die Ermittler der örtlichen Polizei warten. Sie wollen kriminelle Schleuser ergreifen und wissen nicht, dass sie als verdeckte Beobachter ihrerseits beobachtet werden. Die Folgen sind schrecklich. Eine Polizistin stirbt bei einer Gasexplosion, es ist Falkes ehemalige Freundin.

Dann erscheinen Falke und seine Kollegin Katharina auf der Szene, als Unterstützer von der Bundespolizei für die Ermittler vor Ort. Das führt zu Reibereien, der wortkarge Falke ist alles andere als diplomatisch, sondern ruppig und stolz.

Es kommt, wie es oft kommt. „Tatort“-Erfahrene kennen die Dramaturgie der Geschichten mit illegalen Einwanderern, die alsbald aus einem Container befreit werden. Da sind die Unglücklichen, die als Sklaven in einer Fleischfabrik ausgenutzt werden sollen, da ist die Skrupellosigkeit der Geschäftemacher, da ist die rührende Geschichte von einem kleinen schwarzen Jungen, dem mithilfe der unerschütterlich mütterlichen Katharina am Ende Asyl gewährt wird.

Nicht ungeschickt hineingewebt (Drehbuch: Volker Krappen, Raimund Maessen) ist in diesen Krimi ein Stück absurdes Theater. Es erzählt von gescheiterten Erwartungen als Folge einer unerwarteten Frachtschifffahrtskrise. Der Zuschauer sieht, wie aus einem hoffnungsvoll gestarteten Logistiker mangels Waren ein verwirrter Clown wird und aus einem anständigen Hafenmann ein Nebenerwerbsschleuser.

Und als wäre das nicht schon genug, kommt dann noch die illegale Überwachungsproblematik hinzu. Alles, was geschieht, wird von oben luftbildmäßig überwacht, wie man den Einstellungen (Bildgestaltung: Moritz Schultheiß), entnehmen kann, die sich am Ende häufen.

Diese Problemdichte – Kommissarseinsamkeit, Schleusergemeinheit, Sklavenelend, Asylschnulze, Fehlinvestitionstheater, polizeiliches Konkurrenzgerangel – versucht die Regie (Volker Krappen), mit einer Flucht in symbolische Bilder aufzulösen. Darunter leiden die Dialoge. „Waffen und Warlords, das passt“, sagt die Kommissarin Katharina. „Es geht ums Geld, das ganz große Geld.“ Klar. „Rohstoffe, in Afrika geht es doch immer um Rohstoffe.“ Ein zweifaches Klar. Als dann noch Drohnen vom Himmel herab einen bedrohlich gut gespielten Schurken (Andre Hennicke) verfolgen, stellt Falke fest: „Die Geschichte glaubt uns doch kein Mensch.“ Was stimmt, aber zum Glück auch nicht stimmt. Die Resignation über den Verlust polizeilicher Ordnungsmacht wird nicht unterschlagen oder vernebelt, sondern unerbittlich kalt serviert. Die Nachwuchsmacher trauen den Bildern mehr als den Gefühlen. Sie werden noch lernen.

„Tatort: Kaltstart“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben