Tatort im Tief? : Das Münchner Komplott

Schon länger enttäuscht von Lieblingskrimi und Kommissaren? Der neue BR-„Tatort“ kommt gerade recht.

Markus Ehrenberg

Was für ein Anfang. Ein schwer verletzter Hauptkommissar Ivo Batic im Notarztwagen, daneben der ratlose Kollege und Freund Franz Leitmayr. Schnitt. Rückblende. Verschmutzt und orientierungslos torkelt Batic durch oberbayerische Landschaften, kann sich im Supermarkt nicht mehr an seine EC-Kartennummer erinnern und bricht zusammen.

Schnitt. Was für ein Anfang. Am 1. Januar sind die Hauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr genau 19 Jahre im Dienst. Mit der Folge „Animals“, einem passablen Krimi zum Thema Tierversuche, startete 1991 ein Männer-Ermittlergespann, das den Zuschauern über die Jahre ans Herz gewachsen ist. Wenn eine Story mal aus der Balance zu geraten schien, war es immer noch dieses Frotzeln, das stille Einverständnis, die Dynamik der Hauptdarsteller sowie Münchens Charme, die Geografie des Ortes mit besonderer TV-Krimi-Tradition, die den BR-„Tatort“ zum Maßstab machten.

Zuletzt schien es mit der Dynamik nicht so weit her. Zu eingefahren das Spiel von Miroslav Nemec (Batic) und Udo Wachtveitl (Leitmayr). Zum Beispiel bei der 50. Jubiläumsfolge, „Liebeswirren“, einem kruden Cyber-Krimi im Schwulenmilieu im September 2008. Das liegt sicher auch an der Qualität der Drehbücher, die „Tatort“-Kommissare stets beklagen, landauf, landab. Da scheint, speziell in München, den Autoren und der Redaktion nach dem Abgang des dritten Ermittlers Carlo Menzinger (Michael Fitz) in 2007 aber nicht mehr allzu viel eingefallen zu sein. Woanders im „Tatort“-Kosmos dagegen – neue Ansätze, viel frischer Wind. In Kiel sitzt ein grimmiger Kommissar neben seiner klugen, hübschen „Assistentin“ auf der Psycho-Couch, in Hamburg rockt ein V-Mann, Mehmet Kurtulus alias Cenk Batu, in Stuttgart versucht ein neuer Kommissar und Ex-V-Mann (Richy Müller), den Unfalltod von Frau und Kind in einer anderen Stadt zu verarbeiten. Es muss ja nicht gleich ein neuer Schimanski sein, aber würde man sich solche Schocks nicht auch mal für einen Bayern-„Tatort“ wünschen? Nein, sagt Dominik Graf. Für den Regisseur, der 1995 mit „Frau Bu lacht“ einen der besten BR-Krimis gemacht hat, steht der Münchner „Tatort“ nicht hinter anderen Krimis zurück. „Stimmt schon, dass das Licht auf die beiden Münchner Kommissare allmählich etwas abendlich wird. Lustig finde ich sie trotzdem fast immer. Wenn sie eine Art eigenwillige Slapstickkomödie machen, sind sie immer noch erträglicher als mancher pseudobierernste andere Kommissar.“ Und einen Film wie „Der oide Depp“, der in die 70er Jahre zurückgeht, der müsste sich woanders beim „Tatort“ erst mal getraut werden. Und echte Innovation, siehe Kiel, Hamburg und Stuttgart, so Graf, sehe anders aus. „Was da im ,Tatort’ ein wenig erneuert wird, ist alles sehr mittelständisch, ziemlich bildungsbürgerlich ,gerockt’ sozusagen. Um wirkliche Erneuerung einzuleiten, müssten ein paar richtige Actionszenen her, nicht nur einige billige, kurze Verfolgungsjagden zu Fuß, durch Treppenhäuser vorzugsweise, auf dem Dach endend, und eine kleine mittelmäßige Schlägerei pro Folge.“

Da kommt „Wir sind die Guten“, der 54. „Tatort“ mit Nemec und Wachtveitl, gerade recht. Eine Verschwörungsgeschichte als Actionthriller, ein Hallo-Wach von der Isar, auch für die Beziehung der Kommissare, die in Routine zu erstarren drohte. Batic hat nach einem Autounfall sein Gedächtnis verloren. Er erinnert sich nicht mal an seinen Namen – nicht die schlechteste Idee, wenn man einen neuen Blick auf die Dinge kriegen will. Als die Leiche einer Kollegin gefunden wird, gerät Batic unter Mordverdacht – und in Lebensgefahr. Trotz manchem Logik-Loch (Buch: Magnus Vattrodt, Jobst Oetzmann): Die Folge wirbelt den Münchner „Tatort“ kräftig durcheinander. Jetzt muss nur noch Carlo Menzinger zurück, der dritte Ermittler; „der Carlo“, damit die Chemie wieder stimmt. Wie sagt Leitmayr seinem Kollegen mit Gedächtnisverlust, der im Büro ein gerahmtes Bild in Händen hält, dadrauf Batic /Leitmayr /Menzinger: „Mit dem warst du mal zusammen.“

„Tatort – Wir sind die Guten“,

ARD, 20 Uhr 15

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