Tatort : Kölscher Klüngel

Wenig Skandal, viel Herz und noch mehr Folklore im 40. "Tatort“ vom Rhein. Im Leben von Kommissar Ballauf kündigt sich nebenbei Sensationelles an.

Thomas Gehringer
Tatort
Schmutziges Geschäft: Müllentsorger Esser (m.) muss Schenk und Ballauf den Leichenfund erklären. -Foto: ARD

Der Müll, die Stadt Köln und der Tod, das ist ein naheliegendes Ensemble aus Krimimotiven. Im Zusammenhang mit dem Bau einer großen Müllverbrennungsanlage waren in Köln in den neunziger Jahren illegale Parteispenden in sechsstelliger Höhe geflossen, damals noch in D-Mark. 2002 flog die Sache mit den „Dankeschön“-Spenden auf, ein Entsorgungsunternehmer und führende SPD-Politiker wurden verhaftet. Der Müllskandal machte im Bundestagswahljahr bundesweit Schlagzeilen, auch wegen der besonderen Dreistigkeit eines korrupten Netzwerks, das verniedlichend „kölscher Klüngel“ genannt wird. Die Gerichte beschäftigen sich damit noch heute. Der reale Skandal schwingt im 40. „Tatort“ mit den Kommissaren Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) nur im Hintergrund mit, der schlichte Titel „Müll“ ist vieldeutiger gemeint.

Auf dem Hof eines Entsorgungsunternehmens wird ein durch ein Feuer unkenntlich gemachter Frauentorso gefunden. Wie sich herausstellt, gab es dort bereits eine Serie von Brandstiftungen. Und weil auch die Sekretärin des Chefs verschwunden ist, liegt der Verdacht nahe, dass hier ein kleines Unternehmen von der Konkurrenz mit brachialen Methoden zum Aufgeben gezwungen werden soll. Sofort sind alle alarmiert, die Presse vermutet „Mafiamethoden“, und die Ermittler werden zu Chefanklägerin Dr. Eckermann (Caroline Schreiber) gerufen, die einen Müllskandal neu aufrollen muss, wie es im wirklichen Leben ja auch geschieht. „Das ist ein einziger Sumpf, übrigens nicht nur in unserer Stadt“, sagt sie. Der Sumpf und die Mafia bleiben allerdings unsichtbar, ohne dass man an deren Existenz zweifeln würde. Es dabei weitgehend zu belassen, ist einer der klugen Schachzüge von Achim Scholz (Drehbuch) und Kaspar Heidelbach (Regie).

Ein anderer ist, dass es hier, als Gegenpol zur Habgier im „großen“ Müllgeschäft, die Leidenschaft der Müllsammler gibt, die nicht nur zur Aufbesserung des eigenen Lebensunterhalts nach alten Schätzen graben. Dafür steht der schrullige Willy (Hans Diehl), dessen Wohnung gefüllt ist mit Dingen, an denen sein Herz hängt – manchmal stellvertretend für die Vorbesitzer. Willy rumpelt im langen Mantel wie ein flatterndes Gespenst auf einer NSU Quickly, Baujahr 1964, durch die Straßen und stört Ballaufs Morgenruhe. Der Lärm, den sein altes Moped verbreitet, ist wiederum Musik in Schenks Ohren, dessen Liebe zu Oldtimern endlich einmal sinnvoll in einen Fall eingebaut werden kann. Der Kommissar kennt natürlich auch das erste Kleinkraftrad der Nachkriegsgeschichte und zitiert einen hübschen alten Werbespruch: „Der Berg ist steil, die Sonne sticht, der QuicklyFahrer merkt es nicht.“ Er selbst hat sich diesmal als Dienstwagen eine schwarze Corvette geangelt, einen flotten Zweisitzer, ebenfalls Baujahr 1964. So kommt man ins Gespräch und der Lösung des Falls näher.

Und dann ist da noch der junge Dennis, der die neue Liebe seines Vaters allein durch seine Anwesenheit stört, keine Lehrstelle findet und sich wohl selbst ein wenig wie menschlicher Abfall fühlt. Frederick Lau („Die Mauer – Berlin 61“) spielt den ungelenken, pubertierenden Dennis im familiären Gärtnereibetrieb ohne die lauten Ausbrüche eines aufbegehrenden Jugendlichen, sondern mit einer stillen, anrührenden Präsenz. Katja (Elena Uhlig), die neue Freundin seines Vaters Frank (Wotan Wilke Möhring), hatte den Frauentorso gefunden. Die Identität der Leiche kann nicht geklärt werden, doch weil Dennis’ leibliche Mutter ebenfalls nicht wieder auftaucht, fällt der Verdacht auch auf das Gärtnerpaar.

Nach fünf Jahren Pause hat mal wieder Kaspar Heidelbach („Das Wunder von Lengede“) beim Kölner „Tatort“ Regie geführt, zum insgesamt neunten Mal. So häufig inszenierte niemand das beliebte Duo Ballauf/Schenk. Der Kölner Heidelbach scheint geradezu vernarrt ins heimische Rhein-Panorama, denn die malerisch gegenüber dem Dom aufgebaute Wurstbraterei, seit Jahren ein wichtiger Schauplatz im Kölner „Tatort“, wird hier reichlich genutzt.

Das ist doch ein bisschen viel Folklore, aber dafür wird das Privatleben der Kommissare eher zur Nebensache. Dass Schenk Großvater geworden ist, spielt erfreulicherweise nicht schon wieder eine Rolle. Jedoch kündigt sich Sensationelles an: Ballauf wird umziehen, nicht freiwillig natürlich, sondern weil das Hotel schließt, in dem er seit über zehn Jahren wohnt. Wird auch mal Zeit.

„Tatort: Müll“; ARD, 20 Uhr 15

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