''Tatort''-Kommissarinnen : Die Kühnen und die Schönen

Sie sind mehr als ein kurzzeitiges Phänomen: Die „Tatort“-Kommissarinnen haben sich bewiesen. Hervorragend meistern sie den einst exklusiv männlichen Ermittlerberuf – und das nur fallweise emanzipatorisch.

Barbara Sichtermann
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Die eine hat’s, die andere nicht. Sabine Postel alias Inga Lürsen (großes Bild) verfügt selbst auf hoher See über die nötige...

Der Erfolg weiblicher Ermittler im TV-Krimi hat Anlass zu unterschiedlichsten Kommentaren gegeben. Einerseits sah man in Lena Odenthal und ihren Schwestern einen Reflex der Emanzipation, andererseits hieß es: ach, da geht’s doch nur darum, die düstere Welt der Krimis durch ein paar hübsche Gesichter aufzuhellen, und außerdem sieht es sexy aus, wenn eine Frau im engen Pulli zum Showdown rennt.

Egal. Die „Tatort“-Kommissarinnen haben sich weder um die eine noch um die andere Lesart geschert und ihren Job gemacht. Und jetzt gibt es Gründe zu feiern. Sabine Postel alias Inga Lürsen vom Bremen-„Tatort“ führt heute durch ihren 19. Fall „Schiffe versenken“. Das Jubiläum zum 20. also steht kurz bevor. Ulrike Folkerts als dienstältester Lady-Cop, aktiv in Ludwigshafen, hat ihren 20. schon hinter sich. Eva Mattes als Bodensee-Ermittlerin Klara Blum, Maria Furtwängler als niedersächsische Kommissarin Charlotte Lindholm und Andrea Sawatzki als Hessen-„Tatort“-Polizistin Charlotte Sänger haben noch manches vor sich – sie alle aber sind eingeführt und (mehr oder weniger) beliebt. Nur bei Sawatzki gab es das Gerücht, sie und ihr Partner Jörg Schüttauf wollten aussteigen, aber nun ist doch ein neuer Fall in der Produktion. Bilanz für die Frauen vom Revier: überwältigend positiv.

Da die Ermittlerinnen also keine vereinzelten Schwalben waren, sondern ein echter Trend, der weit mehr als einen Sommer anhielt, kann man fragen, was sie denn so unterscheidet. Krimis lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: in den mythischen und in den Realo-Krimi. Dem mythischen liegt etwas an der Tradition des Genres, er bemüht allgemein-menschliche Motive wie Rache und Gier und stellt den Verbrecherjäger als abstrakte Figur ohne störendes Privatleben heraus. Der realistische Krimi stürzt sich auf aktuelle soziale Konflikte und arbeitet mit Ermittlern, die selbst in Krisen stecken und sich zu Hause zum Beispiel mit einem aufmüpfigen Gör rumschlagen. Praktisch sind alle Krimis Mischungen, es gibt aber deutliche Akzentuierungen in die eine oder andere Richtung.

So ist Lena Odenthal eindeutig eine mythische Figur – weder ihre Wohnform (mit Kollege Kopper) noch ihre Ausstrahlung (amazonenhaft) wirken realistisch. Die Schönheit der Schauspielerin Folkerts, ihr nach innen gerichteter Blick, ihre kühn-sportive Entschlusskraft sind ebenso viele Belege für die Mission, der sie zu folgen hat: die unbeirrbare Suche nach der Wahrheit. Durch diese Polizistin entsteht eine Stimmung, die ihre Fälle der schnöden Realität leicht entrückt – was legitim für mythische Krimis ist und in den legendären Chandler-Verfilmungen mit Bogart zu besichtigen wäre.

Ganz anders dagegen die agile Inga Lürsen im Bremen-„Tatort“. Wenn sie sich nicht gerade mit ihrer eigensinnigen Tochter anlegt, quält sie sich mit Dienstvorschriften und Vorgesetzten ab, und man fragt sich manchmal, wie sie überhaupt noch dazu kommt, ihre Fälle zu lösen. Dabei kann sie das am besten. In „Schiffe versenken“ gerät sie auf ein mit schrägen Typen bevölkertes Boot, das sie eigentlich nur inspizieren wollte, das sich aber unversehens außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone befindet, von wo aus an Ingas eigentlich geplante Rückkehr nicht mehr zu denken ist. Hier gilt „das Gesetz der freien See“. Inga ist nicht bereit, sich diesem ominösen Gesetz zu unterwerfen. „Ist ein Schiff ein rechtsfreier Raum?“ Und sie legt sofort mit dem Ermitteln los, obwohl sie sich damit in Lebensgefahr begibt. Co-Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) gibt ihr vom Land aus Flankenschutz. Selten wurde Lürsen so an ihre Grenzen getrieben. Und wie meist beweist sie ein fast unglaubliches Stehvermögen. Wenn sie, die gesamte Besatzung bis fast zur Mordlust gegen sich, mit fester Stimme befiehlt: „Ich würde jetzt gern mal ihre Laderäume sehen“, dann ist das tollkühn.

Lürsen/Postel verfügt über die Autorität, die eine Kriminalbeamtin braucht, um sich im Kampf gegen das Verbrechen zu behaupten. Guter Wille und gute Noten auf der Polizeischule reichen da nicht. Die Sache mit der Autorität ist es denn auch, die eine Andrea Sawatzki als Polizistin nicht wirklich glaubwürdig sein lässt. Der Schauspielerin mit dem Sirenen-Gesicht und der leicht verhuschten Art kauft man den Bullen nicht wirklich ab. Das mögen die Erfinder der Figur gespürt haben, also gaben sie dieser Kommissarin eine extra motivierende Vorgeschichte mit: Ihre Eltern wurden ermordet. Das hat dem Aufbau einer glaubwürdigen Figur allerdings auch nicht viel genützt.

Um Autorität kämpft auch Eva Mattes als Kommissarin Blum manchmal vergebens. Eine Polizistin, die sich weigert, eine Waffe zu tragen – was soll man dazu sagen?! Die stark menschelnde Anlage der Geschichten, die der Bodensee-„Tatort“ erzählt, kommt der Weiblichkeit der Zentralfigur entgegen, bedarf aber des fester am Boden haftenden Partners Kai Perlmann (Sebastian Bezzel), damit die Krimispannung nicht unter der Elegie über die Bosheit der Welt verkümmert. Auch Maria Furtwängler macht zuerst als kühle Blonde aus dem Norden Eindruck, bevor sie als Kriminale rüberkommt. Zwar hat man sich bemüht, ihr mit einem Kind einen tüchtigen Realitätsbezug zu verpassen; aber die unglaubwürdige WG mit dem Schriftsteller Martin (Ingo Naujoks) und die Bereitschaft der spitzzüngigen Mutter, für den Kleinen da zu sein, wenn’s brennt, entheben die Lindholm dann wieder dem argen Alltag und transportieren sie in eine künstliche Krimiwelt, der sie mit ihrer leicht manierierten Art auch entspricht.

Seltsam, dass die Erfinder sämtlicher Kommissarinnen sich bei der Namensgebung einer gewissen Romantisierung ganz offensichtlich nicht enthalten konnten. Der Name Odenthal weckt Assoziationen an ein Flussufer, Sänger an eine Diva, Lindholm an Blätterrascheln und Blum ... Einzig Lürsen klingt knapp und geradezu. Jedoch: alle diese Personen, ob altgedient oder noch in der Entwicklung, dürften das Fauenbild auf emanzipatorische Weise verändert haben. Denn auch wenn die Kommissarinnen fallweise irritierend feminin daherkommen, müssen sie etwas leisten, was ehedem als exklusiv männlich galt: Ermitteln ohne Ansehen der Person. Und sie leisten es. Exemplarisch Klara Blum in ihrem „Tatort“ am 7. Juni.

„Tatort – Schiffe versenken“,

20 Uhr 15, ARD

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