"Tatort" mit Wilson Gonzalez Ochsenknecht : Der Boulevard-Flüchtling

Mit 17 allein in New York und nun wilder Kerl im „Tatort“. Eine Begegnung mit Wilson Gonzalez Ochsenknecht.

Jan Freitag
Will mit Videostreichen ganz groß rauskommen: Scoopy (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) träumt davon, ein Internetstar zu werden.
Will mit Videostreichen ganz groß rauskommen: Scoopy (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) träumt davon, ein Internetstar zu werden.Foto: MDR/Gordon Muehle

Prominente sind Scheinriesen. Aus großer Entfernung wirken sie gut erkennbar, als wären es reale Wesen. Doch je näher man ihnen zu kommen glaubt, desto diffuser wird das Bild. Was hinter der Fassade läuft, bleibt daher stets Glaubenssache oder schlimmer: Mimikanalyse der Klatschpresse. Prominenten wie, sagen wir: Wilson Gonzalez Ochsenknecht vorurteilsfrei zu begegnen, ist fast unmöglich. Dieser Name! Diese Visage! Dieses Stargetue! Von wegen Scheinriese: Beim Sohn des Schauspielers mit Uwe davor ist die Sache klar: Vitamin B, sonst nix.

Dann aber steht Wilson Gonzalez Ochsenknecht vor einem und ist – logisch: ganz anders. Selbstbewusst, nicht überheblich tritt er beim Pressetermin zum neuen „Tatort“ auf. Eher fröhlich als extrovertiert werden Fragen zu seiner Rolle im Dresdner Fall „Level X“ beantwortet. Neugierig statt beleidigt fällt auch seine Reaktion auf die Flapsigkeit aus, welchen Beruf er eigentlich ausübe. „Schauspieler und Musiker“, lautet sie. Wobei er Letzteres „eher so als Hobby-Ding“ betreibe, Ersteres hingegen „mit Leib und Seele, obwohl ich da eher reingewachsen bin, als es von der Pike auf gelernt zu haben“, wie Ochsenknecht erwidert.

So also sitzt der Mittzwanziger aus München wasserstoffblond in einem Luxushotel an der Alster, lächelt sein zerknautschtes Ochsenknechtlächeln und ist vor allem sehr sympathisch, sehr reflexiv, sehr geerdet. Und das ist trotz aller gebotenen Objektivität beim Erstkontakt mit einem persönlich Unbekannten fast schon verstörend. Denn was für ein Bild bitte gibt er ab in der Öffentlichkeit, seit ihn „Die Wilden Kerle“ an der Seite seines jüngeren Bruders Jimi Blue mit 13 ins Rampenlicht katapultiert haben? Vier Verfilmungen der Jugendbuchreihe haben Wilson Gonzalez nämlich nicht nur zum Kinderstar mit extremer Optik gemacht, sondern mehr noch zum Inbegriff einer Boulevardkarriere.

Der Vater ein schauspielerisch begnadeter Schulabbrecher, die Mutter ein heillos überschminktes Fotomodel, gemeinsam verbissen bemüht, ihre zwei waghalsig benannten Söhne bekannt zu machen. Beiden bescherte es zwangsläufig Abstecher in den Plastik-Pop (der bei Jimi Blue weniger kurz und schmerzlos ausfiel). Beide gerieten ins kommerzielle Fernsehen (das bei Wilson Gonzalez die branchenüblichen Panel-Shows enthielt). Beide kamen daher lange Zeit nicht los vom Image der hauptberuflichen Söhne berühmter Eltern, die nichts draufhätten außer ihrer Anrede.

„Ich sehe zwei bis drei Filme am Tag"

Doch früher als vermutet gab sich der Ältere damit nicht mehr zufrieden. Schon während der „Wilden Kerle“ nahm er den „Kampf des Kinderdarstellers, sich als Erwachsener durchzusetzen“ an und studierte auf eigene Faust fast alle Filmgewerke. Wilson allein in New York. Mit 17! Als alles bereits auf eine dauerhaft ferngesteuerte Prominenz hingedeutet hat, zeigte sich, dass dieser Cineast aus Leidenschaft („ich sehe zwei bis drei Filme am Tag und zwar alles von Hitchcock über Fassbinder bis zu modernen Sachen“) gar kein so schlechter Junge ist.

Gut, nach Aufwärmübungen von „Freche Mädchen“ bis „Soko“ ließ der gewissenlose Afghanistan-Klamauk „Willkommen im Krieg“ 2012 auf Pro7 nochmals das Schlimmste befürchten. Doch zwei Jahre später bereits spielte er im Münchner „Tatort“ recht überzeugend den deutschen Kumpel eines arabischen Diplomatensohns, bevor ihn Oskar Roehler neben Tom Schilling als Hauptdarsteller in „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ aus der Schublade des talentlosen Emporkömmlings zog. Sein Rollenprofil variiert zwar weiter zwischen Berufsjugend und Hedonismus. Doch er beherrscht es so gut, dass nun der nächste „Tatort“ folgt.

In „Level X“ ist er ein „Prankster“, der es mit Videostreichen am Rande der Legalität zum Click-Millionär bringt – bis ein noch erfolgreicherer Kollege dem brachialen Humor der Generation Y selbst zum Opfer fällt. Der Plot wirkt konstruiert, die Internet-Kritik wohlfeil, alles irgendwie zu gewollt. Wer jedoch im Sog eines Netz-Gurus positiv auffällt ist – genau: Wilson Gonzalez Ochsenknecht. Er verleiht seiner Figur genau jene „Gier nach Aufmerksamkeit“, die ihr Darsteller gesucht hat. Was umso bemerkenswerter ist, als der gar kein typischer Digital Native ist.

Für seine amerikanische Fernbeziehung oder den Kontakt zur Familie sei das Web hilfreich. „Aber ich schaue lieber ,Tatort‘, als stundenlang zu surfen“, sagt er. So spricht ein besonderer Künstler mit der besonderen Fähigkeit, sich trotz frühen Ruhms nie zu überschätzen. „Ich kann noch ein paar Jahre auf den ganz großen Kinofilm warten.“ Und auch, wenn er am Ende vergebens wartet: Mit dem Namen ist diese Geduld mehr wert als jede Hauptrolle.

„Tatort: Level X“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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