Tatort : Nichts für Romantiker

Institution Ehe auf den Hund gekommen: Der Kölner Tatort "Schmale Schultern" befasst sich mit der Liebe in Zeiten des Scheidungsrechts.

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Jagd auf den Sprayer. Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär, rechts) verfolgt Patrick Cosca (Ben Unterkofler) mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Foto: WDR
Jagd auf den Sprayer. Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär, rechts) verfolgt Patrick Cosca (Ben Unterkofler) mit allen zur...Foto: WDR/Uwe Stratmann

Eine junge Frau liegt tot zwischen Müllcontainern, herabgestürzt vom Balkon ihrer Wohnung. Doch nicht der Sturz war die Todesursache, sondern ein Schlag gegen ihre Schläfe, ausgeführt mit einem harten, spitzen Gegenstand – einer Nachbildung des Eiffelturms, dem Wahrzeichen aus Paris, der Stadt der Liebe. Ein makabrer Scherz der Drehbuchautoren, aber durchaus passend für diesen Fall, den 47. des Kölner „Tatort“-Teams Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär). Für Romantiker ist der erste von Christoph Schnee („Mord mit Aussicht“, „Der Lehrer“) inszenierte „Tatort“-Film wahrlich kein Vergnügen: Kaputte Beziehungen, Scheidungskrieg und Untreue – die Institution Ehe ist hier gewaltig auf den Hund gekommen, was ja nicht allzu weit hergeholt ist, wie die jährlichen Scheidungszahlen belegen. Mal wieder ein Themen-„Tatort“ also, aber einer der ansehnlicheren Sorte. Es bleibt sogar bis zum Schluss spannend.

Der Eiffelturm war ein Geschenk des Verlobten des Opfers. Jens Otten (Pierre Besson) ist geschieden und erhoffte sich durch die Heirat auch Vorteile im Gerichtsstreit mit seiner Ex-Frau Claudia (Nina Petri). Da die zweite Ehe seit einer Änderung des Scheidungsrechts der ersten gleichgestellt ist, müsste er weniger Unterhalt zahlen. Tatsächlich haust Otten in einer kleinen Wohnung und läuft im Schlabberpullover herum, während seine Ex mit den beiden Kindern in einem prächtigen Einfamilienhaus lebt.

Die Stärke des Films ist, dass diese beiden Hauptfiguren durchaus nicht eindimensional erzählt werden. Nachvollziehbar Ottens Verzweiflung darüber, dass ihm die Unterhaltszahlungen kaum Luft zum Leben lassen, aber in seinem Feldzug gegen das ihm vermeintlich angetane Unrecht kennt er kein Maß. Besson spielt den verbissenen, überforderten, manchmal auch einsichtigen Vater und Ex-Ehemann sehr überzeugend. Nina Petri als depressive Ex-Frau steht ihm da nicht nach: Claudia Otten hat der Scheidungskrieg zermürbt. Beide sehnen sich nach einem Ausweg, aber sie finden ihn nicht mehr.

Nun schlagen, wie es aussieht, die malträtierten Kinder zurück. In Verdacht gerät ein junger Graffitisprayer, denn die Wohnung des Opfers ist beschmiert und verwüstet. Patrick Cosca (Ben Unterkofler) ist mit der 15-jährigen Otten-Tochter Laura (Michelle Barthel) befreundet. Laura gibt sich keine Mühe, den Hass auf die getötete Verlobte ihres Vaters zu verbergen. Ins Zwielicht gerät außerdem Patricks Vater, nicht nur, weil Ralf Cosca von dem auf zwielichtige Rollen abonnierten Thomas Sarbacher gespielt wird. Cosca hatte regen telefonischen Kontakt mit dem Opfer in der Mordnacht. Nebenbei trägt der Westdeutsche Rundfunk etwas zur rheinischen Heimatpflege bei: Bei einigen Kamerafahrten streift der Film durch den neuen Rheinauhafen mit seinen prägnanten Kranhäusern.

Zum Lokalkolorit des Kölner „Tatorts“ gehört allerdings auch, dass bisweilen etwas dick aufgetragen wird. Für das Leid der Kinder steht stellvertretend Lauras jüngerer Bruder, der während eines Streits seiner Eltern mitten im Zimmer in die Hose macht. Und in manchen Dialogen fuchtelt der moralische Zeigefinger überdeutlich vor den Augen der Zuschauer herum: „Liebe wird so beliebig“, klagt Schenk, der diesmal die private Verwicklung zum Thema liefert. Bei seiner Tochter ist bereits nach wenigen Wochen die Urlaubsbekanntschaft eingezogen: ein Surflehrer mit Eintrag in die Verbrecherdatei wegen eines Drogenvergehens – der Albtraum jedes Vaters. Immerhin wird das braungebrannte, nur mit einem Handtuch bekleidete Klischee recht amüsant eingebaut. Thomas Gehringer

„Tatort: Schmale Schultern“, Sonntag,

ARD, 20 Uhr 15

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