Tatort Schweiz : Geld macht paranoid - und den Tatort richtig gut

Der Schweizer „Tatort“ mischt Verrat, Verdacht und Verfolgung. Außerdem muss er den Verlierer spielen in der Konkurrenz mit dem EM-Quali-Fußball bei RTL.

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Der Banksegen hängt schief. Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu, Mitte) pfeift seine Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) zurück.
Der Banksegen hängt schief. Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu, Mitte) pfeift seine Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und...Foto: SRF/Daniel Winkler

Werden wir mal brutalstmöglich ehrlich. Es gibt in Fernseh-Deutschland einen gepflegten „Tatort“-Rassismus. Danach ist der Krimi aus Ösi-Land nur akzeptabel, weil Harald Krassnitzer und vor allem Adele Neuhauser mitspielen. Für den Schweizer Krimi findet sich auch dieses Argument nicht, dieser „Tatort“ agiert am Rande der Wahrnehmung, selbst wenn reichlich Löcher in den Schweizer Käse geschossen werden.

„Verfolgt“, der neue Fall mit den Kommissaren Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer), gehört in dieses Werte-Ranking. Außer Gubser – gerne beachtet als homme de femmes – sind die Darsteller keine Objekte von Zuneigung und Nähe, sie sind, und damit ist aus teutonischer Sicht das Beste gesagt, zu unbekannt. Wer aber sein „Tatort“-Schauen mal nicht aus der Fan-Perspektive – Münster oder nicht Münster, das ist die subjektive Frage – erledigt, der muss diesem Schweizer „Tatort“ eine echte Chance geben. Und der Krimi, er hat diese eindeutig verdient. Eben weil Schauplätze und Schauspieler nicht auf Wiedererkennung rekurrieren können, kann sich die Konzentration auf den Fall und seine Ermittlung richten.

Ein Mann rennt durch Luzern, Thomas Behrens (Alexander Beyer), IT-Spezialist einer Privatbank, die Kamera klebt an den Fersen dieses Mannes auf der Flucht, die spröde Elektromusik treibt ihn vor sich her, der Sound ähnelt dem in den Werbespots einer deutschen Bank. Die bedrängende Verfolgungsszene bekommt ihre Parallelität. Auch Behrens’ Frau (Karina Plachetka) wird verfolgt. Wirklich?

Zwei Menschen unter Druck, auch unter dem Druck der anstehenden Trennung. Behrens’ Freundin wird tot aufgefunden. Deren Mann Michael Straub (Georg Scharegg), arbeitslos und extrem eifersüchtig, kommt schnell in Verdacht. Der Fall weitet sich. Behrens hat Kontodaten seiner Bank gestohlen, er will sie für viel Geld an deutsche Steuerbehörden verkaufen, dann, nach einem Ausraster im Vernehmungszimmer, landet er in der Psychiatrie. Am nächsten Morgen ist er tot. Für Flückiger sieht das nicht nach Selbstmord aus. Prompt kommt ein deutscher Staatssekretär in die Schweiz, Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu), Regierungsrat und Flückigers Vorgesetzter, bremst die Ermittlungen, wo er kann.

"Verfolgt" lässt nichts aus - Eifersucht, Betrug, Bankgeheimnis

Eifersucht, Betrug und Bankgeheimnisse, „Verfolgt“ lässt nichts aus, und weil sich das alles schlussendlich auf dem glitschigen Parkett des deutsch-schweizerischen Verhältnisses abspielt, wird mit der Beziehungstat der Weg zur ganz großen Bühne eröffnet. Flückiger und Ritschard kommen an ihre Grenzen, darüber hinweg kommen sie nicht. Schwerer Stoff, der Schweizer Stoff.

Drehbuchautor Martin Maurer etabliert die Ebenen, die Kommissare steigen hinauf und hinunter, die zahlreichen Verdächtigen gehen mit. Da ist nichts Verkrampftes dabei, der überschaubare Fall verpuppt sich als die große Machenschaft. „Verfolgt“ offeriert mehr als ein Quantum Spannung, dieser „Tatort“ des Schweizer Fernsehens SRF entfaltet sich als ausnehmend guter Kriminalfall. Vielleicht ist das Ende ein wenig dickflüssig, mit einem Überschuss an Verzweiflung. Vielleicht gewinnen hier die äußeren Faktoren über die inneren Motive zu sehr die Oberhand.

Regisseur Tobias Ineichen, als „Tatort“-Fachmann seit seiner „Schneetreiben“-Arbeit ausgewiesen, schiebt den Krimi zwischen die zentralen Pole von Bedrohung und Paranoia, aber nicht in dessen Mitte. Seine Inszenierung balanciert, sie tariert nicht aus. Durch das Kippen nach dieser und nach jener Seite kommen Agilität und Abbreviation in den Film. Ineichen hat ein besonderes Gespür für das Sensitive, Ausbruch und Übertreibung lässt er nicht zu. Ein Krimi aus der Schweiz, geeicht und reif. In dieser Konzentration agiert das Ensemble mit Stefan Gubser an der Spitze system- und fallgerecht. Wer ein ausgewiesenes Interesse an schauspielerischem Glanz hat, dem sei Pierre Siegenthaler als Privatbanker Werner Sonderer vorgestellt. Prägnanz durch Präsenz, undurchsichtig in voller Draufsicht.

PS: Es ist kein Zufall, es ist Absicht, dass der Schweizer „Tatort“ an diesem Sonntag läuft. Es soll keinem Krimi aus deutschen Landen zugemutet werden, die Konkurrenz mit einer parallel laufenden Länderspiel-Übertragung wie an diesem Sonntag bei RTL aushalten zu müssen. Gegen Live-Fußball, noch dazu in der Kategorie der EM-Qualifikation, hat es selbst der Paradekrimi schwer. Also muss der Schweizer den Verlierer spielen.

„Tatort: Verfolgt“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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