"Tatort" : Still ruht der Bodensee

Seit zehn Jahren ermittelt Eva Mattes im „Tatort“ als Klara Blum. In der Jubiläumsfolge wird die Kommissarin von ihrer Vergangenheit eingeholt - und bekommt es dazu mit einem wenig kooperativen Kollegen zu tun.

Nicole Sagener
Grüezi, Frau Kommissarin: Klara Blum (Eva Mattes) und ihr Partner Kai Perlmann (Sebastian Bezzel, 2. von rechts) müssen sich überraschend mit dem Schweizer Kollegen Matteo Lüthi (Roland Koch, links) arrangieren – und der hat wenig Lust auf Teamarbeit. Foto: SWR SWR
Grüezi, Frau Kommissarin: Klara Blum (Eva Mattes) und ihr Partner Kai Perlmann (Sebastian Bezzel, 2. von rechts) müssen sich...SWR

Frage: Was macht eigentlich Kommissarin Klara Blum? Antwort: Dem Augenschein nach das Gleiche wie immer. Seit zehn Jahren gibt es den Konstanzer „Tatort“ und mit ihm seine Ermittlerin Blum alias Eva Mattes. Obwohl sich auch die Bodensee-Krimis mitunter bemühen, thematisch aktuell zu bleiben, scheint einiges hier unwandelbar. Zum Beispiel das recht ereignislose Privatleben der Kommissarin und die gemächliche Gangart des Krimis. Es wirkt so, als ob die Macher mehr darauf abzielten, Martin-Walser-Stimmung anstatt Krimi-Spannung aufkommen zu lassen.

Was nicht immer gut geht. Fade Betulichkeit oder Verlässliches in schöner Landschaft – zum Bodensee-„Tatort“ gehen die Meinungen der Zuschauer weit auseinander. Einige Fans brennen für die psychologisch feinfühlige Ermittlerin, die warme Weiblichkeit, die die ehemalige Fassbinder-Schauspielerin Eva Mattes ihrer Figur verleiht. Andere ertragen den nicht gerade impulsiven Charakter von Blum und die sehr gemessene Beziehung zu ihrem Partner Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) schlecht. Echter Drive beim „Tatort“-Ermittler-Gespann sieht anders aus, siehe zum Beispiel Max Ballauf und Freddy Schenk in Köln oder das Münsteraner Ermittlerteam.

Dabei hat der Bodensee-„Tatort“ Potenzial. Das zeigt die heutige Jubiläumsausgabe „Nachtkrapp“. „Krapp“ bedeutet im bayerischen Dialekt Rabe. Der Nachtkrapp ist im süddeutschen Raum eine Kinder raubende Schreckfigur. Dass sich mit einem in finsterer Nacht auftauchenden schwarzen Vogel starke Wirkung erzielen lässt, hat schon Edgar Allan Poe mit seinem Prosagedicht „Der Rabe“ gewusst. Da ist der schwarze Vogel das Sinnbild ewig währender Trauer. Das einzige ihm zu entlockende Wort „nimmermehr“ erzielt Gänsehaut.

Mit „Nachtkrapp“ hat der SWR ein hoch emotionales Thema gewählt, das viel an Spannung und Gänsehaut hergäbe. Ein Junge wurde aus einem Schullandheim entführt und getötetet. Der Fall schlägt Kommissarin Klara Blum besonders auf das Gemüt. Auch zu ihrem Amtsantritt vor zehn Jahren hatte sie in einem Fall von Kindesmissbrauch ermittelt, ihr Mann und Kollege Martin Blum starb während des Einsatzes.

In dieser Folge ist der Bodensee die von winterlichen Baumskeletten gesäumte Kulisse, durch die Unheil verkündend der Nebel wabert. Die Menschen sind abweisend, eisig. Und dann müssen sich Blum und Perlmann bei den Ermittlungen auch noch ein Kompetenzgerangel mit einem neuen Schweizer Kollegen liefern. An Teamarbeit ist der ruppige Matteo Lüthi (Roland Koch) nicht interessiert. Was Blum wiederum anziehend findet – bemerkenswert, denn ein pralles, lustvolles Privatleben, wie es die Hannoveraner Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) mit Kind und diversen Liebschaften vorweisen kann, fehlt bisher bei der Kommissarin. Ihr Leben plätschert dahin wie die Wellen des Bodensees – gemächlich, aber nicht leidenschaftlich aufbrausend. Bis auf das in jeder Lebens- und Ermittlungslage obligatorische Gläschen Rotwein am Abend, gibt es bei Blum kaum Hinweise darauf, was sie jenseits ihres Jobs umtreibt.

Umso erstaunlicher ist deshalb die Sympathie der Kommissarin für Lüthi. Bahnt sich da etwas an? Beim SWR heißt es, so weit gehe man nicht. Auch wenn Eva Mattes sich zuletzt dafür ausgesprochen hat, dass sich Klara Blum mal wieder verlieben sollte. Lüthi aber wird bloß der gelegentlich auftauchende Zusatzermittler bleiben. Wo es bei anderen „Tatorten“ knallt und Funken sprüht wie in einem Versuchslabor, bleibt in Konstanz alles beim Alten.

„Klara Blum ist eine Figur, die polarisiert“, verteidigt eine Sprecherin des SWR das Konzept. Weil sie weniger erwartbar und taff sei als andere Kommissare. Damit kommt der Bodensee-„Tatort“ gut an. In einer Forsa-Umfrage zu den beliebtesten „Tatort“-Kommissaren rangiert Eva Mattes auf Platz fünf – hinter Maria Furtwängler und Ulrike Folkerts. Der letzte Konstanzer Krimi „Schmuggler“, ausgestrahlt am 29. Januar 2012, hatte 9,46 Millionen Zuschauer (24,6 Prozent Marktanteil). „Im Netz der Lügen“, der letzte Bodensee-„Tatort“ von „Nachtkrapp“-Regisseur Winczewski, sahen gar 9,62 Millionen Menschen. Das dürfte vor allem an den überzeugenden Schauspielern Mattes und Bezzel liegen, die sonst nur selten im Fernsehen zu erleben sind.

Auch dieses Mal ist der Krimi vom Bodensee wieder sehenswert. Schweigen, Scham über verborgene, weil verbotene Sehnsüchte, sind zentrale Themen des Films. Die alle Figuren quälende Einsamkeit erklärt allerdings nicht die Verschlossenheit einiger Verdächtiger. Regisseur Patrick Winczewski und Drehbuchautorin Melody Kreiss sind offensichtlich einer Maxime gefolgt: wenn stille Wasser tief sind, müssen auch die an tiefen Gewässern lebenden Menschen sehr still sein.

Bei aller Düsternis – etwas weniger rätselhafte Charaktere hätten hier gutgetan. Und endlich ein Lover für Klara Blum.

„Tatort – Nachtkrapp“,

ARD, 20 Uhr 15

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