Tatort und Sürücü : Stolz und Vorurteil

Wieder wagt das Erste einen "Tatort" zum Thema "Ehrenmord". Diesmal aus der Feder von Thea Dorn und Syeran Ates.

Ferda Ataman,Markus Ehrenberg

Gleich zwei Termine an diesem Wochenende könnten wieder für Diskussionen über deutschtürkische Befindlichkeiten sorgen: Am Samstag jährt sich der Todestag der Berlinerin Hatun Sürücü zum vierten Mal. Ihr Name erlangte traurige Berühmtheit, nachdem sie am 4. Februar 2005 von einem ihrer Brüder durch mehrere Kopfschüsse ermordet wurde. Der Tod sorgte bundesweit für Entsetzen und löste eine Debatte über Zwangsehen und Wertvorstellungen von in Deutschland lebenden muslimischen Familien aus. Mord im Namen der vermeintlichen Familienehre – das ist auch das Thema beim sonntäglichen Bremer „Tatort“. Im Mittelpunkt: eine junge Türkin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, der sich ungewöhnlich heftig der türkischen Tradition angepasst hat. Plötzlich liegt die Frau ermordet da, und Kommissarin Inga Lürsen alias Sabine Postel steht in ihrem 19. Fall zwischen allen Stühlen, vor allem bei einer stolzen türkischen Großfamilie mit viel Geld und Einfluss.

Der Ausstrahlungstermin ist reiner Zufall. Doch es gibt noch eine Parallele zwischen dem Mordfall Hatun Sürücü und dem Filmopfer Rojin Lewald: die türkischstämmige in Berlin lebende Anwältin Seyran Ates. Sie schrieb mit Thea Dorn zusammen das Drehbuch zum „Tatort“ und gehörte 2005 zu den Organisatoren der Mahnwache für Hatun Sürücü. Die Juristin kämpft seit Jahren für muslimische Frauen, die Opfer von Zwangsehen wurden oder gewalttätigen Ehemännern ausgesetzt waren. „So wie die Anwältin im ,Tatort’ kann ich manchmal verzweifeln über die Blindheit der deutschen Gerichte“, sagt Ates in einem Interview zum Film. Ihre Einblicke in die komplizierte Lebenswelt der in Deutschland lebenden Türken und Kurden habe sie in das Drehbuch miteinfließen lassen.

Tatort-Ausstrahlungen hatten schon zuvor für Aufsehen gesorgt

Nach der Ausstrahlung rechne Ates mit dem „üblichen Reflex“, also damit, dass Gutmenschen sagen werden, dass da Muslime unter Generalverdacht gestellt wurden. „Wir werden wahrscheinlich eine Weile in türkischen Zeitungen als diejenigen erwähnt, die die Türken schlechtmachen.“ Eine Rezension des deutschen Primetime-Krimis im türkischen Leitmedium, der Zeitung „Hürriyet“, bestätigt diese Befürchtung nicht unbedingt: „Der ,Tatort’ wird wieder diskutiert“, so der Titel einer nüchternen Inhaltsangabe, bei der kritische, aber auch anerkennende Bemerkungen wiedergegeben werden, die auf der Filmpremiere gemacht wurden. „Der Film könnte die Vorurteile vieler Deutschen bestätigen“, sagt dsort etwa eine Referentin aus dem Bremer Sozialministerium.

Zwei „Tatort“-Ausgaben hatten schon mal 2007 und 2008 für Aufsehen gesorgt. Die Hannoveraner Episode „Wem Ehre gebührt“ wurde nach der Ausstrahlung im Dezember 2007 sogar zum Gegenstand eines Eklats. Der Krimi sollte die alevitische Glaubensminderheit unter den Muslimen in Deutschland vorstellen. Dumm nur, dass in der fiktiven Geschichte der alevitische Familienvater seine eigene Tochter sexuell missbraucht – das kam dem jahrhundertealten Vorurteil der muslimischen Mehrheit entgegen, die Aleviten praktizierten alle inzestuöse Liebe. Die ARD handelte sich eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung ein. Sozusagen in vorauseilendem Gehorsam hatte das Erste dann im Februar 2008 den Lena-Odenthal-Tatort „Im Schatten der Angst“ verschoben, weil am Schauplatz des Krimis in Ludwigshafen Tage zuvor ein Haus gebrannt hatte, in dem neun türkische Menschen ihr Leben verloren.

Verschoben wurde auch der Sendetermin für den „Tatort“ am Sonntag. Er sollte schon im August 2008 laufen. Das wäre damals der dritte Sonntagskrimi in kurzer Zeit gewesen, der von Türken handelt, der zweite, der sich mit dem Thema „Ehrenmord“ beschäftigt. „Tatort“-Fans werden aber auch ohne diese Hintergründe auf ihre Kosten kommen. „Familienaufstellung“ ist unter der Regie von Mark Schlichter und der Feder von Thea Dorn ein guter, düsterer Whodun it-Krimi, der es vermeidet, dem Thema Ehrenmord allzu wohlfeil beizukommen. Der – oft vermisste – Auftrag der „Tatort“-Väter, einem Millionenpublikum gesellschaftliche relevante Themen unterhaltsam zu präsentieren, wird allemal erfüllt. Um emotionale Fallstricke aufzufangen, bietet das Erste im Anschluss an den Film einen Live-Internet-Chat (unter www.radiobremen.de) an, unter anderem mit Seyran Ates und Thea Dorn.

„Tatort - Familienaufstellung“,

Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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