"Tatort" zu Neujahr : Schwarz und Weiß

Mit Metaphorik und feiner Bildkunst eröffnet der Kölner „Tatort: Scheinwelten“ am Dienstag das Krimijahr 2013.

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Wohin will die verdächtig aktive Gattin des Staatsanwalts (Jeanette Hain)? Foto: WDR
Wohin will die verdächtig aktive Gattin des Staatsanwalts (Jeanette Hain)? Foto: WDRFoto: WDR/Uwe Stratmann

Die ersten Helden im „Tatort“-Jahr 2013 sind zwei Katzen, schwarz und weiß. Ihr Herrchen hat seine Pokerrunde unterbrochen, ist nach Hause gekommen und schneidet nun für sie mit einem großen Messer ein paar Fleischbrocken zurecht. Er wohnt in einem großen Haus, es ist teuer, sauber und kalt. Dann hört der Mann ein Geräusch, geht mit seinem Messer los und kehrt nicht mehr zurück. Man sieht nichts von dem ersten Mord, nur die Katzen, die zunehmend unruhig werden, die das Dosenfutter eigenpfotig aus dem Regal räumen, die versuchen, auf die Türklinke zu springen, die die Blumenvase umkippen und ein paar Tropfen Wasser lecken. Überlebenskampf im Zeitraffer. Irgendwann ist die weiße Katze tot, die schwarze überlebt, was durchaus noch eine Rolle spielen wird. Dazu zieht ein eigens für den Film komponierter Song des schwedischen Echo-Preisträgers Martin Tingvall, gesungen von der Berlinerin Schmidt und dem Hamburger Robin Grubert, den Zuschauer gekonnt hinein in diesen Film mit seinem eigenwilligen, katzenhaften Beginn.

Mittwoch, Sonntag, Dienstag – die ARD nutzte beim Jahreswechsel beinahe jede Gelegenheit, um mit dem Quotengarant „Tatort“ abzuräumen. Nun sollen also an Neujahr die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) das Erste zum ersten Tagesquoten-Sieger im Jahr 2013 machen. „Scheinwelten“ ist ihr 56. Film und gewiss nicht ihr schlechtester. Im September hatte schon Regisseur Andreas Kleinert mit „Fette Hunde“ über Bundeswehrsoldaten, die nach ihrem Einsatz in Afghanistan ins Drogengeschäft einstiegen, für ein echtes Highlight gesorgt. Das Kölner Team, das für sozialkritische Anliegen, aber eher selten für originelle Filme steht, kann also auch anders – wenn man in diesem Königsformat des deutschen Krimifernsehens besondere Handschriften zulässt.

In diesem Fall die von Andreas Herzog, 45, der lange als Cutter arbeitete, mit Werbespots begann und später den Schnitt von Fernsehfilmen wie „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ verantwortete. 2003 wechselte er ins Regiefach, drehte Folgen von „Unter Verdacht“ und „Soko 5113“. „Scheinwelten“ ist sein erster „Tatort“, ein ästhetischer Genuss ebenso wie ein vielschichtiges Spiel um Beziehungen, Liebe und Überleben. Erstmals tritt hier Staatsanwalt Wolfgang von Prinz (Christian Tasche), sonst eher eine Randfigur, ins Rampenlicht. Das heißt: vor allem seine Frau Beate, gespielt von Jeanette Hain, die in dieser Rolle so herrlich kalt, arrogant, sexy und abgründig ist.

Noch eine schwarze Katze gewissermaßen, und ganz in Schwarz legt sich Beate von Prinz auch auf dem Hometrainer ins Zeug, als wollte sie die nächste Tour de France gewinnen. Gerne versteckt sie ihr halbes Gesicht hinter einer riesigen schwarzen Sonnenbrille, aber zum Verhör als Verdächtige geht sie ganz in Weiß, die Unschuld selbst. Dass als Musik irgendwann auch noch „Ebony and Ivory“ gespielt wird, ist dann schon zu viel der Schwarz-Weiß-Metaphorik.

Rechtsanwältin Beate von Prinz betreut als Mandanten den schwerreichen und sterbenskranken Jakob Broich (stark: Hans Peter Hallwachs), dessen Sohn Ingo das Mordopfer ist. Die Broichs haben eine Gebäudereinigungsfirma und beschäftigen ausländische, illegal in Deutschland lebende Putzkräfte. Der mehr an Poker als am Firmenmanagement interessierte Ingo nutzte dies zu einem Extrageschäft: der Beschaffung von gefälschten Dokumenten und dem Stiften von Scheinehen. Aber was ist hier echt, was nur Schein?

„Scheinwelten“ bietet keinen atemlosen Thrill, aber ein elegant in Szene gesetztes Beziehungsrätsel. Die Figuren agieren oft vor einem unscharfen Hintergrund, wirken wie herausgehoben. Dann wieder sehen sie ganz verloren aus in diesen großen Räumen, die die exzellente Kamera von Ralf Noack kühl und leicht blaustichig zur Geltung bringt. Köln, wo sonst schon mal alles an der Würstchenbude endet, sieht anders aus, kälter, schneidender, einsamer. Solche Bildkunst kann man mögen oder auch nicht, aber von optischer Allerweltskost gibt es in Krimis schon genug. Thomas Gehringer

„Tatort: Scheinwelten“; ARD, Dienstag um 20 Uhr 15

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