"Taxi nach Leipzig" : Verkehrte Welt im Jubiläums-"Tatort"

Im 1.000. „Tatort“ ist nichts so wie gewohnt. Die Kommissare Lindholm und Borowski werden zu Entführungsopfern und müssen um ihr Leben fürchten.

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Hilflos: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) werden von einem Taxifahrer (Florian Bartholomäi, r.) entführt.
Hilflos: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) werden von einem Taxifahrer (Florian...Foto: NDR

Die Schlagzeilen der Boulevard-Presse kann man sich leicht ausmalen: „Taxi-Fahrt des Schreckens“, „Horror-Nacht von Leipzig“, „Ex-Kommandosoldat wird zum Killer“ wären durchaus denkbar, denn genau darum geht es im 1000. „Tatort“ an diesem Sonntagabend. Der Titel lautet genau wie der erste „Tatort“ des Jahres 1970 „Taxi nach Leipzig“. Mit dem Einsatz von Paul Trimmel (Walter Richter) vor 46 Jahren hat der Jubiläums-„Tatort“ allerdings nichts gemeinsam. Außer vielleicht, dass Ermittlungen eines westdeutschen Kommissars in der ehemaligen DDR damals ein ebenso ungewöhnliches Setting für einen Fernsehkrimi waren wie jetzt die Entführung von zwei „Tatort“-Kommissaren in einem Taxi.

Was Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) aus Hannover und ihr Kollege Klaus Borowski (Axel Milberg) aus Kiel erleben, hat tatsächlich etwas von einem Horrorfilm. Gerade noch saßen sie in einem Polizeiseminar über Deeskalationsstrategien, nun sitzen sie im Taxi eines Psychopathen, der einem besonders nervigen Fahrgast mal eben so das Genick bricht und nun die beiden „Tatort“-Ermittler entführt hat. Der Ermordete war ebenfalls Polizist, hatte das Seminar vor allem besucht, um Borowski um eine Stelle in der Mordkommission anzubetteln. Nur weil kein anderes Beförderungsmittel greifbar war, hatten sich die drei das Taxi teilen müssen.

Vom Entführer entlarvt

Noch schlimmer wird die Lage für Lindholm und Borowski dadurch, dass der Fahrer durchaus weiß, was er tut. Als ausgebildeter Kommandosoldat der Bundeswehr entlarvt er die Psycho-Tricks der Kommissare. Während die beiden inzwischen gefesselten Fahrgäste noch nach Schwächen bei ihrem Entführer suchen, hat der ihre längst durchschaut. Er erkennt genau, dass Borowskis Beziehung zu seiner Tochter bei Weitem nicht so gut ist, wie er sie darstellt. Und auch die Probleme der ehrgeizigen Single-Frau Lindholm, die sich nach einer Beziehung sehnt, aber nicht bereit ist, dafür auf ihren beruflichen Erfolg zu verzichten, sind für ihn offensichtlich. In der Ausnahmesituation wird den Polizisten erbarmungslos der Spiegel vorgehalten.

Die Überlegenheit der „Tatort“-Kommissare – in 1000 Fällen unter Beweis gestellt – sie erweist sich in der von Alexander Adolph erdachten und umgesetzten Jubiläumsfolge als Trugschluss. Jene Kriminalisten, die sonst fast immer die Verbrecher zur Strecke bringen, sind auf einmal kaum weniger hilflos als Herr und Frau Jedermann. Der eigene Tod erscheint plötzlich wahrscheinlicher als ein „Tatort“-typisches Happy End.

Die Motive von Taxifahrer Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi) können sie sogar nachvollziehen. Seine große Liebe Nicki (Luise Heyer) will am nächsten Tag seinen Erzfeind und ehemaligen Bundeswehr-Vorgesetzten Eric heiraten. Mit seiner Fahrt nach Leipzig will Klapproth das verhindern. Nach seiner Kurzschlusstat bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Kommissare mitzunehmen. Das Stockholm-Syndrom, bei dem Entführungsopfer immer mehr Verständnis für ihre Peiniger aufbringen, mitunter sogar zu Komplizen werden, es ist auch bei Lindholm und Borowski zu erkennen.

Wiedersehen mit Lamprecht, Hallwachs und Werremeier

Freunde psychologisch ausgeklügelter Machtspiele werden an dem 1000. „Tatort“ ihre Freude haben. Zudem gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Der ehemalige Berliner „Tatort“-Kommissar Franz Markowitz, gespielt von Günter Lamprecht, hat einen Gastauftritt. Genau wie Hans Peter Hallwachs gehört er zum Ensemble sowohl des ersten als auch des 1000. „Tatort“. Und Friedhelm Werremeier, der Autor des ersten „Taxi nach Leipzig“, spielt einen Garderobier in einem Nachtclub. Eines könne er besten Glaubens versprechen, sagte er: „Damals wie heute brauchen die Zuschauer beim Mitfahren stabile Nerven.“ Kurt Sagatz

„Tatort: Taxi nach Leipzig“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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