Taz zwo : Ritt über den Bodensee

Die Redaktion des „Südkurier“ will die eigene Zeitung kaufen. Noch steht allerdings nicht fest, ob die Zeitung überhaupt zum Verkauf steht.

Sonja Pohlmann

Die Mitarbeiter beim „Südkurier“ rüsten sich. Zwar steht noch nicht fest, ob der Stuttgarter Holtzbrinck-Konzern die Zeitung mit Sitz in Konstanz verkaufen will. Doch entscheidet sich Verleger Stefan von Holtzbrinck zu diesem Schritt, wollen die Redakteure ihr Blatt selbst übernehmen – es wäre wohl das erste Mal in der deutschen Zeitungsgeschichte, dass eine Redaktion ihr eigenes Blatt kauft.

Auf die Idee gekommen ist der Betriebsrat, als Holtzbrinck kürzlich seine „Mainpost“ an die „Augsburger Allgemeine“ veräußerte. Der Stuttgarter Konzern hatte zuvor angekündigt, sich stärker aufs digitale Geschäft konzentrieren und sich von Regionalblättern trennen zu wollen.

Doch ein neuer Eigentümer, so fürchtet die Redaktion des „Südkurier“, könnte womöglich auf eine hohe Rendite innerhalb kurzer Zeit spekulieren und dem Blatt erhebliche Einschnitte zumuten. Auch über einen Kauf durch Nachbarverlage wie den der „Schwäbischen Zeitung“ wäre die Mannschaft des „Südkurier“ nicht glücklich. Sie fürchtet, dass dann die Mantelredaktion für die überregionalen Seiten und die Lokalredaktionen in angrenzenden Gebieten zusammengelegt und Mitarbeiter entlassen werden könnten.

Vor zwei Wochen ist bei einer Betriebsversammlung über die Pläne gesprochen worden. Auch die Belegschaft der aus dem Verlag ausgegliederten Druckerei habe der Redaktion ihre Unterstützung zugesichert. Sich öffentlich zu dem Thema äußern, sollen sich die Mitarbeiter auf Anweisung von „Südkurier“-Geschäftsführer Rainer Wiesner nicht mehr, nachdem Wirtschaftsressortleiter Peter Ludäscher über die Pläne mit der „tageszeitung“ („taz“) gesprochen hatte.

Dabei könnte die „taz“ sogar zum Vorbild für den „Südkurier“ werden. Das in Berlin ansässige Blatt finanziert sich durch ein Genossenschaftsmodell, mehr als 10 000 Leser, Mitarbeiter und Freunde gehören zu den Mitgliedern, die einen Anteil halten. Sie wollen dadurch die wirtschaftliche und publizistische Unabhängigkeit der Zeitung sichern.

80 Millionen Euro, eventuell mehr, könnte der Kauf des „Südkuriers“ kosten, schätzen die Redakteure. Erste Gespräche für eine Finanzierung mit Banken haben Vertreter der Redaktion bereits geführt. Die Reaktionen seien positiv gewesen. Doch allein für die notwendige Unterstützung durch eine Unternehmensberatung müsste ein sechsstelliger Betrag veranschlagt werden, heißt es.

„Südkurier“-Geschäftsführer Wiesner hält die Pläne der Redaktion „für ein unrealistisches Szenario.“ Denn „alleine könnten die Mitarbeiter den Kauf nicht stemmen. Ein Großteil des Kapitals müsste von einem externen Investor kommen und da ist keiner in Sicht“, sagt Wiesner. Der Holtzbrinck-Konzern wollte sich zu möglichen Verkaufsplänen des „Südkurier“ nicht äußern. Die Mitarbeiter wollen in den nächsten Wochen weiter die Möglichkeiten sondieren, die Zeitung aus eigener Hand machen zu können. Sonja Pohlmann

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