Technische Innovationen : Das Fernsehen ist tot, es lebe das Fernsehen

Trotz aller technischen Innovationen: Das klassische Fernsehen ist noch lange nicht am Ende. Nicht alle wollen ihr Programm selbst zusammenstellen oder nur noch auf dem Tablet fernsehen.

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Mit der Folge „Paradies“ aus Wien beginnt am 31. August die neue „Tatort“-Saison mit den Schauspielern Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser. Viele Zuschauer schätzen gerade beim ARD-Sonntagskrimi das gemeinschaftliche TV-Erlebnis.
Mit der Folge „Paradies“ aus Wien beginnt am 31. August die neue „Tatort“-Saison mit den Schauspielern Harald Krassnitzer und...Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Das Sommermärchen 2006 – es hat uns das Public Viewing beschert; Biergärten rüsteten nach und stellten gigantische Leinwände auf, sogar die Kneipe an der Ecke lockte mit einem Großbildschirm. Wie wichtig gerade Fußballfans das gemeinsame TV-Schauen ist, zeigt derzeit der Ärger der Kneipenwirte über die Erhöhung der Gebühren, die der Pay-TV-Sender Sky für die Sportbar-Lizenzen verlangt. So viel Aufhebens ums Fernsehen? Und das in einer Epoche, die dem Fernsehen so gern das Lied vom Tod vorspielt? Es gebe keine Zuschauergemeinden mehr, die Zielgruppen zerbröselten zu Individualglotzern, überhaupt würde Fernsehen vom Internet verschluckt. Ist das so?

Es stimmt nur halb mit der Individualisierung des TV-Konsums, es gibt auch eine Gegenbewegung. Die Auguren, die sich gerne auf die Seite der jüngsten technologischen Entwicklung schlagen, erzählen uns seit Jahren: Fernsehen als Lagerfeuer ist passé. Wir haben jetzt die mobilen Endgeräte, die jeder Nutzer mit sich rumträgt und auf denen er fernschaut, wenn ihm danach ist. Wozu noch mit einer sperrigen Glotze das Wohnzimmer verunzieren? Der Mensch von heute ist in Bewegung, er will, wenn überhaupt, unterwegs fernsehen – in der U-Bahn, während eines Päuschens auf der Parkbank und, wenn erst das vollautomatische kommt, sogar im Auto.

Was so ein prognostisches Szenario ausblendet, ist, dass auch der mobilste Mensch ein soziales Wesen bleibt und ein Bedürfnis nach dem Teilen und Mitteilen von Eindrücken auch beim Fernseh-Gucken empfindet. Das Public Viewing zu WM-Zeiten hat in Deutschland einen Vorläufer in Gestalt des gemeinschaftlichen „Tatort“-Guckens. Es ist gut möglich, dass die erstaunliche Karriere dieser Krimireihe, die vorgestern noch als altbacken galt, inzwischen aber der ARD Quotenhits beschert, auch deshalb so steil verlaufen konnte, weil sich vor Jahren schon Gruppen bildeten, die den Sonntagabend mit Bier und Stullen zusammen vor der Glotze verbrachten – egal, ob gerade das Lieblingsteam oder ein weniger populäres ermittelte. Der „Tatort“ wurde allmählich Kult. Was aber ist eine Kultsendung ohne Kultgemeinde? Von wegen Fernsehkonsum wird ganz und gar zu einer Sache Einzelner. Es gibt diesen Trend, aber den Gegentrend gibt es genauso.

Jeder sein eigener Programmchef - das erfordert Zeit und Energie

Die Auguren mit ihren Nasen im Wind der Zeit sagen ja noch etwas anderes in puncto Fernsehverhalten. Niemals würden sich die Nutzer der Zukunft vom Stundenplan der Sender vorschreiben lassen, wann sie fernsehen. Hier vollzöge sich eine enorme Emanzipation. Über Mediatheken und eigene Programmierung entlang individueller Präferenzen stellt sich der Konsument sein eigenes TV-Menü zusammen, er ist – hurra! – sein eigener Programmchef. Klar gibt es das. Es gibt sogar Fernsehnutzer, die ein Fußballspiel, das sie interessiert, aufnehmen, weil sie es live nicht sehen können. Und die dann höllisch aufpassen müssen, dass niemand ihnen den Ausgang des Spiels verrät, bevor sie dazu kommen, es zeitversetzt zu gucken. Klar ist es eine prima Sache, dass man Sendungen, die man verpasst hat, via Mediatheken doch noch schauen kann und dass man Filme aufnehmen und auf DVD brennen und dann für immer im Schrank stehen haben kann. Aber ist dieser Trend tatsächlich eine Art Todesurteil für das lineare Fernsehen?

Der vor einem Monat verstorbene Fernsehforscher der Gesellschaft für Konsumforschung, Michael Darkow, hatte in einem Interview im Deutschlandfunk noch vor kurzem an jene Zeiten erinnert, in denen der Videorecorder gerade erfunden und auf den Markt gebracht worden war. Alle wollten so einen Kasten haben und jeder jubelte: Jetzt bin ich mein eigener Programmchef! Millionen von VHS-Kassetten wurden gekauft, bespielt und in die Regale gestellt – um dort dann stehen zu bleiben. Nur ein Bruchteil wurde je angeschaut. Die Erfindung der DVD hat daran nichts geändert. Es ist eben doch nicht so einfach mit dem Programmchef-Sein. Es macht Arbeit, verlangt Organisation und Planung, kostet Geld und Geduld. Das Tapen und das zeitversetzte Gucken – es ist okay, dass es das gibt, aber es ist, vom Fernsehnutzer aus gesehen, nicht mehr als eine Notlösung. Also: Nicht nur, was die soziale Dimension betrifft, sondern auch, was die zeitliche Dimension betrifft, stößt die Individualisierung des Fernsehverhaltens an Grenzen. Auch hier gibt es zum neuesten Trend einen Gegentrend, der mehr ist als ein Festhalten an alten Gewohnheiten und der keineswegs nur die ältere Generation, sondern alle Fernsehnutzer betrifft.

Fernsehen ist besonders stark, wenn es live ist

Was hat es nun auf sich mit diesem Gegentrend? Die Zeit besitzt eine qualitative Dimension, das ist der springende Punkt. Die „versetzte“ Zeit zersetzt sich und verliert ihr Faszinosum. Wenn es stimmt, dass Fernsehen besonders stark ist, wenn es live ist, dann ist damit auch gesagt, dass es nicht egal ist, wann man fernsieht. Eine Live-Sendung, die später geschaut wird, ist nicht mehr live und damit nur noch halb so aufregend. Das gilt für Sportereignisse ebenso wie für Shows, ob Talk- oder Casting-, es gilt für Live-Reportagen und Nachrichten und viele Formate aus dem journalistischen Bereich, sogar für die Wetteransage.

Für Spielfilme und Dokumentationen und andere Werke der Fernsehkunst gilt das nicht, aber auch hier spielt der Sendetermin, siehe „Tatort“, eine Rolle, weil das Bewusstsein, zu schauen, wenn alle schauen, die Wirkung eines Films beeinflusst. Es entsteht ein höherer Spannungsgrad sowie ein Gefühl von Relevanz. Deshalb ist es auch nicht egal, wann eine Sendung ausgestrahlt wird. Mitternächtlich versendetem Qualitätsfernsehen wird indirekt die Relevanz abgesprochen. Außerdem ist Fernsehen als Tagesbegleitmedium eben auch ein Service, der sein Publikum über Live-Kanäle mit der Welt verbindet, und diese Funktion macht das lineare Fernsehen unersetzlich.

Wenn Gottschalk oder Lanz einen Wettkandidaten umarmt oder wenn der Pfarrer im TV-Gottesdienst seinen Segen spricht, so sind das letztlich keine weltbewegenden Ereignisse, aber sie transportieren, live gesendet, die Magie des Augenblicks, der qualitativ erfüllten Zeit. Und für die braucht es eben doch einen externen Programmchef, der dafür sorgt, dass die Kamera zugegen ist. Das Publikum weiß das auch, und es wird seinem linearen Fernsehen noch sehr lange die Treue halten, weil es das fallweise gemeinschaftliche Glotzen genauso reizvoll findet wie die mittelbare Zeugenschaft an einem nicht planbaren grandiosen oder tragischen Augenblick.

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