Teletubbies : Der Nerv der Kinder

Zehn Jahre nach den "Teletubbies" wollen ihre Erfinder an den großen Erfolg anknüpfen und eine neue Zielgruppe entdecken.

Tilmann P. Gangloff
Teletubbies
1997 der Untergang des Abendlandes: Die Teletubbies. -Foto: Kika

Das war ein echter Tabubruch, als die „Teletubbies“ zwei Jahre nach ihrer britischen Premiere im Frühjahr 1999 zum ersten Mal durchs Kika-Programm taperten. Kinderärzte warnten davor, mit der Serie schon Säuglinge ans Fernsehen zu gewöhnen. Außerdem behindere die Babysprache des Quartetts garantiert den Spracherwerb. Anne Wood und Andrew Davenport, mit ihrer Firma Ragdoll die Schöpfer der bunten Bäuchlinge, sahen das anders, und bei den Sendern teilte man alsbald ihre Sicht: Da kleine Kinder erwiesenermaßen ohnehin eine gewisse Zeit vor dem Fernseher verbringen, sollten sie doch im besten Fall eine Sendung sehen, die eigens auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sei.

Längst hat sogar die internationale Wissenschaft den „Teletubbies“ die höheren Weihen verliehen. Unter den vielen Forschern, die sich intensiv mit der Wirkung der Serie auf Kinder auseinandergesetzt haben, ist auch Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI, München). „Die Teletubbies“, sagt sie, „haben mit Fingerspitzengefühl und Intuition pädagogisch den Nerv der Kinder getroffen.“ Götz habe aber auch Verständnis für die Eltern, schließlich hätten sie mit den „Teletubbies“ gleich doppelte Last: „Sie müssen sich früher als erwartet mit dem Themenkomplex Kinder und Fernsehen befassen, und sie werden zum ersten Mal mit einem kindlichen Konsumangebot konfrontiert, für das ihnen eigene Kindheitserfahrungen fehlten. Ohne diese Deutungsmuster aber ist es ihnen nicht möglich, das Phänomen verstehen und einordnen zu können.“

Mittlerweile hat sich das Thema lästiges Kinderfernsehen angesichts des bislang im baden-württembergischen Kabelnetz verbreiteten „Baby TV“ ohnehin erledigt. Abgesehen davon hat der Protest den Siegeszug der Mini-Briten nicht aufhalten können: Die Serie ist in 120 Länder exportiert und in 45 Sprachen übersetzt worden. Puppen, DVDs, Bücher und andere Produkte haben der BBC einen Umsatz von rund einer Milliarde Dollar beschert. Davenport, gelernter Sprachtherapeut, konnte die Aufregung sowieso nie verstehen. Er fand es immer viel wichtiger, wie sehr sich schon jüngste Zuschauer durch die Geschichten zum Mitmachen anregen ließen. Außerdem habe die Serie einen äußerst positiven Nebeneffekt gehabt: „Die Fernsehnutzung kleiner Kinder war bis dahin völlig unerforscht. Das hat sich dank der ‚Teletubbies’ zum Glück geändert.“ Seine jüngste Kreation dürfte den Erfolg der Serie zwar kaum wiederholen, dafür aber Eltern auf Anhieb begeistern: „In the Night Garden“ erzählt Gutenachtgeschichten aus einem Fantasiegarten, in dem sich lauter sympathische Geschöpfe tummeln. Die Zielgruppe ist laut Davenport ein bisschen älter: „‚Teletubbies’ war für Kinder, die die Welt gerade entdecken; die neue Serie richtet sich an Kinder, die schon ein gewisses Verständnis für Nonsens-Reime haben.“

Dabei ist „In the Night Garden“ von Nonsens weit entfernt. Mit ihren ansprechenden Bildern und den lustigen Figuren wirkt die Serie wie ein verfilmtes Bilderbuch. Offen räumt Davenport ein, die auf fast altmodische Weise erzählten Geschichten seien für Eltern leichter zu akzeptieren als die „Teletubbies“. Technologisch ist die Produktion auf dem neuesten Stand. Die entsprechenden Investitionen sollen gewährleisten, dass die insgesamt hundert Folgen à 25 Minuten möglichst lang aktuell wirken. Deshalb wurde auf High Definition gefilmt, was für Kindersendungen höchst ungewöhnlich ist. Die damit einhergehende Brillanz der Bilder hat zur Folge, dass selbst kleine Fehler sofort ins Auge springen, weshalb umso sorgfältiger produziert werden musste. Das gilt erst recht für das komplexe Sounddesign. Pro Episode hat Davenport bis zu 3000 handgemachte Geräusche eingebaut. Als Zuschauer nimmt man das bewusst gar nicht wahr, doch es trägt zum perfekten Gesamteindruck bei.

Um so bedauernswerter ist es, dass deutsche Kinder wohl darauf hoffen müssen, dass „In the Night Garden“ erst mal irgendwann auf DVD herauskommt. Der Kinderkanal hat bereits abgewunken, weil man laut Kika-Chef Frank Beckmann mit dem „Sandmann“ in Sachen Gutenachtgeschichten bestens versorgt sei. Für Super RTL kommt die Serie zurzeit ebenfalls nicht infrage: Das kommerzielle Programm enthält zwar auch Vorschulsendungen wie etwa „Bob, der Baumeister“, doch die Sendestrecke läuft morgens. Zur Schlafenszeit des Publikums im Kindergartenalter gehört der Bildschirm dem Zeichentrick-Superstar Spongebob.

Andrew Davenport gibt die Hoffnung trotzdem nicht auf, doch noch mit dem Kinderkanal ins Geschäft zu kommen: „Die Geschichten passen auch gut in die Mittagszeit, wenn sich Kinder ohnehin in einer ruhigen Phase befinden.“ Es wäre der liebevoll gemachten, wunderschönen Serie wirklich zu wünschen.

„Teletubbies“, Kika, 7 Uhr 30

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