Terrorismus : Der Lockruf der Taliban

Neutralität ist Vergangenheit: Die Rolle der Journalisten in Zeiten des Terrors hat sich gewandelt. Sie laufen Gefahr durch die zunehmende Medialisierung des Terrors für Propaganda instrumentalisiert zu werden.

Tim Klimeš
Taliban Foto: Laif
Gegenöffentlichkeit: Die Taliban bringen mit modernen Kommunikationsmitteln ihre Sicht der Dinge in die Öffentlichkeit. -Foto: Laif

Die Deutsche-Presse-Agentur (dpa) kennt ihre Namen, und sie kennt ihre Handynummern. Das war’s. Mehr ist nicht bekannt über die „Pressesprecher der Taliban“. Sobald sie eine Information streuen wollen, klingelt das Handy eines Journalisten. Rückruf erbeten. Getroffen hat die radikal-islamischen Informanten bisher niemand.

Es gebietet die journalistische Sorgfaltspflicht, der Information des Talibansprechers nachzugehen. Doch macht man sich gleichzeitig zum Komplizen des Terrors, zum Multiplikator der Terroristenpropaganda?

Herfried Münkler, Politologe an der Berliner Humboldt-Universität, beobachtet die zunehmende Medialisierung des Terrors und warnt Journalisten davor, sich instrumentalisieren zu lassen. Der Politologe zeichnete gestern, auf einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung über „Terrorismus und Medien“, ein Bild, das einer Bankrotterklärung des Journalismus in Terrorzeiten gleichkam. Beim asymmetrischen Krieg des 21. Jahrhunderts habe der journalistische Beobachter seine neutrale Position verloren, sagte Münkler. Da diese Form von Krieg einem Kampf Davids gegen Goliath gleiche, könne eine neutrale Beschreibung der Kriegsparteien gar nicht mehr gewährleistet werden. Für David gäbe es in der Berichterstattung nur zwei Beschreibungen: Einmal sympathisch, weil schwächer, oder unsympathisch, weil hinterhältig.

Die Zeiten, in denen ein Kriegsberichterstatter auf einen Kirchturm gestiegen sei und von dort in gleichem Abstand zu den Kriegsparteien einen Schlachtenverlauf beschrieben habe, seien endgültig vorbei. „Die Davids aller Welt haben nun begriffen, dass die entscheidende Ressource die sympathische Berichterstattung ist.“ Seitdem gibt es die Pressestelle der Taliban.

Heinz-Rudolf Othmerding ist als Mitglied der dpa-Chefredaktion an Entscheidungen über das Verbreiten und Nicht-Verbreiten von Nachrichten beteiligt. Der dpa-Auslandschef glaubt weiter an die nüchterne und wertfreie Beschreibung von Terrorakten. Man müsse bei einem Enthauptungsvideo nicht detailliert beschreiben, wie die Exekution von statten ging, „das sind keine tragenden Informationen“, so Othmerding. Alles, was jedoch zur Meinungsbildung beiträgt, wird verbreitet.

Das öffentliche Interesse ist da. ARD-Medienforscher Stefan Geese sagte, Zuschauer interessierten vor allem Bilder, die „wirkmächtig“ sind. „Wirkmächtig“, das sind Bilder von brennenden Bussen, blutenden Passanten und zerbombten Flugzeugen. Es ist das reale Grauen, das die Zuschauer an die Fernseher zieht. Am stärksten wirkt dieses Grauen, laut Geese, wenn es zeitnah oder sogar live erlebt wird – der Moment der einstürzenden Türme am 11. September 2001, das blutige Ende der Geiselnahme von Beslan 2004. Während im Schnitt neun Millionen Zuschauer diese Ereignisse in Nachrichtensendungen verfolgten, waren es nur rund eineinhalb Millionen, die sich für weitergehende und hintergründige Berichterstattung wie Reportagen und Dokumentationen interessierten. Das Grauen, so scheint es, hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum.

Herfried Münkler will der Berichterstattung nicht ihre Berechtigung absprechen. Doch sie solle die „terroristische Strategie der Kommunikation“ konterkarieren, indem sie „keine Panik streut“. So plädierte Münkler auch dafür, Entführungsvideos von Terroristen nicht zu veröffentlichen. Denn selbst wer sich, wie etwa die dpa, für eine „kühle und kurze“ Beschreibung entscheide, der nehme Partei für das Entführungsopfer. Für den Staat hingegen steigt bei jeder Ausstrahlung der politische Druck. Ein Medium, das informiert, entscheidet sich, meint der Politologe, für die Information und gegen den Staat, der sich nicht erpressen lassen will.

„Für Nachrichtenagenturen ist die Staatsräson eine Information unter vielen“, sagte Othmerding. „Was einem Dritten hilft, sich eine Meinung zu bilden, das veröffentlichen wir.“ Letztendlich wägt man ab, was schwerer wiegt: Das öffentliche Interesse oder die Staatsräson. Othmerding hält diese „Respektlosigkeit“ vor dem Staat für entschuldbar. Am Ende eines solchen Verhaltens stünden zumeist „gute Meldungen“.

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