Medien : Terroristen und Alarmisten

ZDF-Doku: Wie gefährlich ist Al Qaida für Europa?

Caroline Fetscher

Qualm steigt auf vom Ort eines Attentats. Gelb und grau quillt er in großen Schwaden über den Bildschirm. Al Qaida, erfahren wir, hat wieder zugeschlagen. Die Kamera hält das Resultat fest, und aus dem Off kommentiert eine Männerstimme: „Unaufhaltsam breitet sich dieses Gedankengut aus.“ Diese Szene weckt apokalyptische Assoziationen und zeigt damit exemplarisch den zentralen Mangel der ZDF-Dokumentation „Al Qaida 2004 – Das Netzwerk des Terrors in Europa“.

Ihr Stil ist von Sensationalismus geprägt, ein wenig erinnert er an „Aktenzeichen XY“: mit Krimimusik, Spekulationen, rekonstruierten Tatvorgängen und warnenden Expertenworten. Unter der Regie von Elmar Theveßen suchten die Filmer Spuren von Osama bin Ladens Anhängerschaft und deren Taten nicht nur in Bali, Istanbul oder Casablanca, sondern auch in den europäischen Kernländern. Notgedrungen stützen sich Theveßen und sein Team auf bekanntes Bildmaterial, etwa jene Szene des wandernden Osama im steinigen Gebirge, die inzwischen Genrecharakter hat.

Ja, Interviews mit Terroristen sind so ohne weiteres nicht zu haben. Gleichwohl, diese Sendung möchte in die Tiefe des Terrornetzwerkes leuchten, dessen „Waffenstillstand“ mit Europa Mitte Juli auslaufen soll, so jedenfalls die Aussagen auf „islamistischen Websites“. Daher erklärt auch der marokkanische Experte Mohammed Darif: „Bin Laden wird neue Anschläge verüben“, eine Aussage, die sich als Prophezeiung durch den Film zieht.

Gewiss wäre es gefährlich, die Bedrohung durch Al Qaida zu verharmlosen. Nach dem 11. September 2001 gingen 350 Anschläge in 25 Ländern mit mehr als 3700 Toten und zehntausend Verletzten auf das Konto des Netzwerks. Doch zu dieser Statistik leuchten auf einer TV-Grafik gleich die betroffenen Länder in Gelb auf, so dass der Eindruck eines teuflischen, längst flächendeckenden Wirkens der Gruppe entsteht. Problematisch ist auch die Metaphorik, mit der die Dokumentarfilmer arbeiten, eine Mischung aus Biologismus und Mythenwelt. Vom „Krebsgeschwür“ ist die Rede, das „Hassprediger“ um die Welt tragen bis in brave deutsche Kleinstädte, wo etwa die türkisch-islamistische Organisation Milli Görüs aktiv ist, die mit Al Qaida sympathisiere. Al Qaida ist ein Flickenteppich, der sich nicht so leicht zerschneiden lässt. Auch ohne ihren Kopf Osama bin Laden würde die Organisation weiter Zulauf erhalten, mutmaßen die Experten. Dass sich eine Ideologie weiter ausbreitet, erklären die von Theveßen interviewten Muslime ebenso wie die westlichen Filmemacher selbst mit einem einzigen Argument: Der Antiterrorkrieg des George W. Bush sei daran schuld. In der arabischen Welt habe man die USA geschätzt – bis diese Regierung an die Macht gekommen sei. Auch diese These bringt die Debatte kaum voran.

Schon jetzt, so der sicherlich richtige Befund der Filmer, gehört es zur Folklore vieler muslimischer Gemeinden, auch in Europa, den Widerstand im Irak als gerechtfertigt zu bezeichnen. So real und erschreckend allerdings die Gefahr des islamistischen Brainwashing ist, dessen Propaganda- Chefs in ihrem Sinne kommentierte Koran-Schriften gratis verteilen, sollte man sich davor in Acht nehmen, eben diese Szenarien heraufzubeschwören. Theveßens Fazit aus den Aussagen westlicher Experten ist dennoch korrekt: Vor allem müssten die Behörden endlich mehr Informationen austauschen. Bürokratische und rechtliche Hürden zur Weitergabe von Daten müssten beseitigt werden, wolle man dem Aufwachen der „Schläfer“ zuvorkommen. Ansonsten: Vorsicht vor der Panik, die dieser Film auslösen zu wollen scheint.

„Al Qaida 2004“: ZDF, 22 Uhr 15

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