Medien : TEXT-VIDEO-TON-KONVERGENZ: JOURNALISMUS ALS EIERLEGENDE WOLLMILCHSAU

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Neulich entdeckte Edmund Stoibers Enkelin ihren Opa auf der Seite eins der „Süddeutschen Zeitung“. Sie tippte mit ihrem Finger auf den Kopf des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden, nichts passierte. „Opa kaputt!“, sagte sie enttäuscht, weil sich das Bild nicht bewegte, kein Video startete, keine Galerie aufpoppte.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG („Welt“, „Bild“), erzählt die Geschichte gern, um zu zeigen, dass der Journalismus das Beste noch vor sich hat. Tatsächlich bieten mobile Geräte wie Tablet-PCs oder Smartphones die Chance, über Nachrichten noch schneller zu informieren, Hintergründe noch besser zu vermitteln, Reportagen noch spannender aufzubereiten, denn mit einem einzigen Gerät ist heute das möglich, wofür früher eine Vielzahl von Geräten notwendig war. So dient ein Handy heute als Telefon, Computer, Fernseher und Lesegerät. Wer beispielsweise per Smartphone auf der Webseite einer Zeitung liest, kann in den einzelnen Artikeln auf weiterführende Links klicken, um mehr über die Geschichte oder Nebenaspekte des Themas zu erfahren. Videos zeigen, was der Reporter vor Ort erlebt hat. Eine interaktive Grafik veranschaulicht Fakten. Und über die eigenen Portale der Zeitungen und Fanseiten sozialer Netzwerke können Leser mitdiskutieren. Gefällt oder missfällt ihnen etwas, schicken sie ihren Kommentar gleich in die Redaktion.

Das Bedürfnis nach dieser Art von Journalismus wächst. Fast alle Zeitungen und Zeitschriften verzeichnen stetig steigende Nutzerzahlen über mobile Geräte – nicht nur, weil die Angebote immer attraktiver werden, sondern alleine schon dadurch, weil es immer mehr solcher Geräte gibt. 22,9 Millionen Smartphones wurden 2012 in Deutschland verkauft, 31,5 Millionen werden es 2015 sein, zeigen Erhebungen des Branchenverbandes Bitkom. Der Verkauf von Tablet Computern wird von 3,2 Millionen Geräten bis Ende dieses Jahres auf voraussichtlich 5,3 Millionen Stück im Jahr 2015 zulegen, ein Plus von 66 Prozent.

Doch geht mit den neuen Geräten auch ein Risiko einher. Hersteller wie Apple behalten sich vor, Inhalte zu zensieren, wenn beispielsweise nackte Brüste zu sehen sind oder über sexuelle Inhalte geschrieben wird. Erst kürzlich gab es viel Aufregung darum, dass Apple Naomi Wolfs neues Buch „Vagina: eine neue Biografie“ in seinem iBookstore als „V****a“ anbot. Erst nach heftigen Protesten wurde der Original-Titel wieder genannt, schrieb der Netzkritiker Evgeny Morozov in der „New York Times“ und listete noch weitere Beispiele auf. Unternehmen wie Apple oktroyieren damit ihre Wertvorstellungen und nehmen direkt oder indirekt Einfluss auf die Presse- und Kunstfreiheit.

Verlage protestieren und fordern Regelungen, um solche Eingriffe zu verhindern. Je größer die Zahl der Anbieter von konkurrenzfähigen Geräten wird, desto mehr Alternativen haben Nutzer und Verlage.

Dass Print und digitale Welt künftig noch mehr miteinander verschmelzen, steht außer Frage. Die Chancen, die ihnen die neuen Geräte bieten, werden Journalisten noch besser auszunutzen wissen, um eines zu tun: gute Geschichten zu erzählen. Denn das Bedürfnis diese zu lesen – egal ob auf Papier oder auf einem mobilen Gerät – wird es immer geben. Sonja Pohlmann

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