"The Honourable Woman" : Mitleid mit den Aliens

Die Spionage-Thriller-Serie "The Honourable Woman" mit Maggie Gyllenhaal wirft neue Lichter auf den Nahostkonflikt. Und ist für den Fernsehpreis Emmy nominiert.

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Schläft im Panic Room: Maggie Gyllenhaal als israelische Geschäftsfrau Nessa Stein
Schläft im Panic Room: Maggie Gyllenhaal als israelische Geschäftsfrau Nessa SteinFoto: Drama Republic

Jerusalem. Ein großer, heller Speisesaal in einem luxuriösem Hotel. Entspannte Stimmung. Ein Geschäftsmann im blütenweißen Hemd sitzt mit seinen beiden Kindern am festlich gedeckten Tisch. Ein Kellner kommt lächelnd aus der Küche, bringt eine Brötchenzange mit zum Tisch und rammt sie dem Vater in den Hals. Der Mann bricht blutüberstromt vor seinen beiden Kindern zusammen. Schnitt. 29 Jahre später. Die Tochter des Ermordeten – wir erfahren, es war ein israelischer Waffenfabrikant – ist erwachsen geworden. Sie steht in ebenjenem Saal, in dem ihr Vater von einem Palästinenser umgebracht wurde, und spricht – von Frieden im Nahen Osten.

Unmöglich? Utopisch? Provokant zumindest. In der gerade auf Sony Entertainment Television (zu empfangen unter anderem via Kabel Deutschland und Entertain) gestarteten britischen Dramaserie „The Honourable Woman“ spielt Maggie Gyllenhaal Nessa Stein, jene Tochter eines Waffenfabrikanten, die sich im Sinne der Völkerverständigung um den Ausbau der elektronischen Vernetzung Israels und des Westjordanlands kümmert, unterstützt vom Bruder Ephra. Als Nessa das Familiengeschäft übernimmt, baut sie das Unternehmen um, setzt sich für die Aussöhnung von Israelis und Palästinensern ein. Dann wird Samir Meshal, ein palästinensischer Geschäftsmann mit Verbindungen zu Nessas Familie, ermordet. Von Geheimdiensten beobachtet, steigen die Spannungen, als der Sohn von Ephras Babysitterin entführt wird.

So einfach macht es sich „The Honourable Woman“ nicht

Ein klassischer Spionage-Thriller-Plot, zum einen. Zum anderen die spannende Frage, wie solche Qualitäts-Polit-Serien Stereotypen bedienen, sich zum Beispiel in glatter Anti-Israel-Polemik gefallen. So einfach macht es sich „The Honourable Woman“ nicht. Anders als so manche Serie, die sich in der jüngeren Vergangenheit mit den Wurzeln und Auswirkungen des seit Jahrzehnten schwelenden Konfliktes im Nahen Osten beschäftigt hat: ein Teil von „Homeland“, „Hatufim – In der Hand des Feindes“ (lief auf Arte), die israelische Vorlage von „Homeland“, oder auch „Gelobtes Land“ (Arte), die vierteilige, packende Verfilmung der Wurzeln des Nahostkonflikts und der damaligen Rolle der britischen Besatzer.

„The Honourable Woman“ ist sicher die komplexeste dieser Serien, mit einem fast unüberschaubaren Reservoir an Konstellationen und Protagonisten: die Konzern-Familie Stein, die palästinensische Kinderfrau, der Haus- und Geschäftsfreund Shlomo, der kurz vor der Rente stehende MI6-Mann, leise-hintergründig gespielt von Stephen Rea („The Crying Game“), seine Gegenspielerin vom CIA – sie alle sind mehr oder weniger verbunden mit dem Nahostkonflikt, mit den Interessen von Israel und Palästinensern, beziehungsweise den Großmächten, die dahinterstehen. Und das alles nicht in Schwarz und Weiß, Gut und Böse geteilt und gezeichnet, sondern in Grautönen, in Schatten, was auch Teil des klugen Vorspanns, der vieldeutigen Dialoge und der Inszenierung ist (Regie und Buch: Hugo Blick). Welche Frau ist hier eigentlich honourable, wer ist so ehrenhaft? Maggie Gyllenhaal hat für ihre Darstellung der Nessa Stein, die sich zum Schlafen in einer Art Panic Room einschließt, auf jeden Fall schon mal einen Golden Globe gewonnen. Ein Emmy könnte folgen. „The Honourable Woman“ ist in der Nacht von Sonntag auf Montag für die begehrten TV-Preise nominiert.

Am Tempelberg nehmen schon wieder die Spannungen zwischen Juden und Muslimen zu

Vielleicht die richtige Serie zur richtigen Zeit, wo der Krieg in Syrien und das Vorrücken der IS die Schlagzeilen bestimmen, während am Jerusalemer Tempelberg die Spannungen zwischen Juden und Muslimen zunehmen. Es ist ein Witz, mit dem Nessa Stein den unendlichen Nahostkonflikt zusammenfasst. „Also“, setzt sie in einer Rede vor Stiftungsmitgliedern an, „Aliens beschließen, die Erde zu erobern. Sie zerstören New York und London und dann landen sie auf der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland. Für beide Seiten haben die Aliens eine einfache Botschaft: Widerstand ist zwecklos, legt eure Waffen nieder.“ „Nun“, setzt Stein fort, „ich kann Ihnen jetzt nicht im Detail erzählen, was dann passiert, aber am Ende werden Sie Mitleid mit den Aliens haben.“

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