Thementag : Tiefe Sehnsucht

Guter Bildjournalismus, Oscar-Gewinner, Dokumentarfilme, Wettbewerbe, ein ganzer Thementag auf Arte - warum Schwarz-Weiß eine Renaissance erlebt.

Ulrich Rüter

Nein, Ihr Fernseher hat keine Empfangsstörung, falls Sie sich über die fehlenden Farben des Arte-Programms am Pfingstmontag wundern sollten. Ein ganzer Fernsehtag in Schwarz-Weiß – oder genauer gesagt: in vielen Graunuancen. Was noch vor ein paar Jahrzehnten ganz normal war – denn wer konnte sich schon einen Farbfernseher leisten – ist heute in Zeiten von 3D und HD ein mediales Ereignis. Zwar ist das Farbfernsehen in Deutschland flächendeckend im Jahr 1968 eingeführt worden, doch es hat lange gedauert, bis auch die letzte Dokumentationssendung selbstverständlich in Farbe produziert wurde.

Auch wenn die Farbe seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts technisch massentauglich wurde, war es noch lange vor allem eine finanzielle Entscheidung, ob Farb- oder Schwarz-Weiß-Material verwendet wurde. Doch längst ist es nicht mehr die Frage, ob „noch“ in SchwarzWeiß oder „schon“ in Farbe gedreht wird. Natürlich hat die Farbe in allen Bildmedien, ob Tageszeitung, Magazin oder Fernsehen, ihren dominanten Platz gefunden, aber heute, im digitalen Zeitalter, scheint der schwarz-weiße Film eine beachtliche Renaissance zu erhalten.

Der grandiose Oscar-Erfolg des französischen Stummfilms „The Artist“ ist das aktuellste Beispiel für die Wertschätzung des klassischen Schwarz-Weiß-Verfahrens. Doch der Schwarz-Weiß-Film ist nicht nur eine technische Entscheidung, sondern immer auch eine Frage des Stils und der Ästhetik. Waren in der Zeit des italienischen Neorealismus oder des US-amerikanischen und europäischen Autorenfilms die finanziellen Ressourcen entscheidend, haben in den vergangenen Jahren Regisseure wie Woody Allen oder Michael Haneke bewiesen, dass die bewusste Wahl von Schwarz-Weiß einzigartige Filmkunstwerke liefern kann. Diese Filme zwingen zu konzentriertem Sehen. Betont werden Licht- und Schattensetzungen, Flächen und Strukturen erhalten eine ungewohnte Präsenz.

Mehr noch als im Film kann man in der Fotografie die bis heute bestehende Bedeutung des Schwarz-Weiß-Materials ablesen. Vor allem im Bildjournalismus stand Schwarz-Weiß für das höhere Maß von Glaubwürdigkeit und Authentizität. Das vermeintlich Subjektive der Farbe wurde daher gerne als ablenkend, gar als vulgär abgelehnt und dem Bereich der Reklame zugeordnet. Durch eine Form optischer Konditionierung wurde dem schwarz-weißen Bild eine stärkere Objektivität zugemessen. Erst in der betont grafischen Wahrnehmung der stillen Bilder entfaltete sich die sublime Kraft virtuos komponierter Aufnahmen. Aber es war vor allem das bewegte Fernsehbild, das die Bedeutung der statischen Fotografien im tagesaktuellen Gebrauch ablöste. Und das sogar in Farbe. Doch Schwarz-Weiß hat sich nicht komplett verdrängen lassen. Es wird noch heute aufgrund der stärkeren künstlerischen Wirkung geschätzt. Gerne auch als Nobilitierung des Abgebildeten, vor allem im Bereich des Porträts oder auch der Modefotografie.

Diese Reduktion in Verbindung mit der besonderen Abstraktionsleistung fasziniert auch weiterhin Fotografen ebenso wie Filmemacher. Das puristische Schwarz-Weiß bietet überraschende Vielfalt durch Beschränkung und Konzentration. Kaum reicht dafür ein einziger Thementag, das Arte-Programm am Montag bietet aber ein maximales Beitragsspektrum: Über den Tag verteilt laufen Dokumentationen, Spielfilme, Essays und bisher nie gezeigte Experimental- und Kurzfilme. Film-Perlen wie Josef von Sternbergs „Marokko“ mit Marlene Dietrich (1930) oder die musikalisch untermalte Hommage Walther Ruttmanns an Berlin, seine „Sinfonie der Großstadt“ von 1927, werden neben selten gezeigten Autoren- und Experimentalfilmen ebenso gesendet wie Bruce Webers Filmporträt über den Jazzmusiker Chet Baker („Let´s get Lost“) von 1988 oder die virtuos inszenierte Film-noir-Parodie „Der unauffällige Mr. Crane“ der Brüder Joel und Ethan Coen von 2001.

Fernsehpremiere hat die von Reiner Holzemer und Thomas Honickel realisierte Dokumentation „Alles kommt aus dem Schwarz und verliert sich im Weiß“, ein faszinierender kunstgeschichtlicher Streifzug durch die unterschiedlichen Medien von Malerei, Fotografie und Film. Prominente Zeitzeugen sind hier unter anderem Pierre Soulages, Anton Corbijn, Michael Schmidt, Karl Lagerfeld und Michael Haneke. Für alle vorgestellten Künstler hat Schwarz oder Weiß eine besondere Bedeutung im jeweiligen Werk. Doch dieses Gegensatzpaar wird von Arte deutlich weitergehend interpretiert. Unter dem Motto „Schwarzweiß hat viele Farben“ läuft ein Programm, das ebenso poetisch wie politisch, emotional wie analytisch, radikal wie spielerisch ist. Leider erst ab ein Uhr in der Nacht wird das Ergebnis des eigens für den Thementag ausgerufenen Kurzfilmwettbewerbs präsentiert. Im KurzSchluss-Programm laufen die sechs von einer Jury und dem Publikum online bestimmten Beiträge, die in vielfältiger Weise sich dem Phänomen Schwarz-Weiß widmen.

Allerdings unterwandert Arte hier doch sein auferlegtes striktes schwarzweiß Programm selbst ein wenig: Der Kurzfilm „Terminus" von Nicolas Simo und Aurélien Debrie, in dem ein verschwundener Goldfisch den Absinth trinkenden Besitzer zum Selbstmord verleitet, ist dann doch nur mit einem Farbfernseher zu verstehen. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, jedenfalls erweist sich die heutige Wahlfreiheit zwischen Farbe und Schwarz-Weiß hier ohne Frage als visueller Gewinn.

Und auf jeden Fall zeigt das Programm in seiner Zusammenschau die Buntheit von Schwarz-Weiß. Offensichtlich hat Arte erkannt, dass gerade die vielfarbige Übersättigung und Bilderflut unserer Tage eine tiefe Sehnsucht nach reduzierter Ästhetik ausgelöst hat. Vielleicht ist das ja in Zeiten weiter ausdifferenzierender digitaler Spartenkanäle sogar eine Anregung für einen eigenen TV-Sender, der nur in Schwarz-Weiß sendet – allerdings ohne dass man gleich nur an die Klamaukreihe „Väter der Klamotte“ denken muss. Dafür ist Schwarz-Weiß dann doch viel zu aktuell.

Der Autor ist Kunsthistoriker und lehrt in Hamburg Fotografie-Geschichte. Der Arte-Thementag „SchwarzWeiß“ läuft am Pfingstmontag ab 10 Uhr 40 bis in die Nacht, darunter der Klassiker „Berlin – die Sinfonie der Großstadt“ (10 Uhr 50) sowie der Hollywood-Film „Der unauffällige Mr. Crane“ (20 Uhr 15).

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