Thriller : Familiäre Fußfesseln

„Takiye - Spur des Terrors“: Ein Vater kämpft gegen die türkische Mafia und für seine Ehre

von
Besorgt ist Metin (Erhan Emre, l.) um seinen Sohn Bilal (Fritz Ali Hansen). Foto: WDR
Besorgt ist Metin (Erhan Emre, l.) um seinen Sohn Bilal (Fritz Ali Hansen). Foto: WDRFoto: WDR/Bernd Spauke

Man soll nicht glauben, unsere Parallelgesellschaften hätten nicht auch ihre mafiösen Strukturen und kriminellen Netzwerke, mit Anschluss an den internationalen Terror. Sogar eine eigene Finanzkrise ist in diesen Gruppen offenbar möglich – solch eine Szenerie gibt genug Stoff für einen ordentlichen Thriller her. So zumindest bezeichnet der WDR seine Produktion „Takiye – Spur des Terrors“, die zugleich eine Familiengeschichte ist.

In „Takiye“ übereignen Mitglieder einer islamischen Gemeinde in Köln, lauter bürgerlich-angepasste gläubige Muslime, ihre Ersparnisse einem dubiosen türkischen Konzern namens Jimpa, der nicht nur traumhafte Renditen verspricht (30 Prozent), sondern ebenso Unterstützung von Glaubensbrüdern in aller Welt. „Gott beschützt all jene“, sagt Hüseyin (Rutkay Aziz), der Gemeindevorstand, „die da kämpfen auf seinen Wegen.“ Kaum ist das Geld eingesammelt, geht Jimpa in Konkurs – auf der Strecke bleiben verarmte kleine Leute, so auch Metin (Erhan Emre) mit Frau, Kind, Bruder, Mutter und Schwiegervater. Metin ist nicht bereit, sich abzufinden: „Meine Ehre ist ruiniert.“ Ein Mann muss kämpfen. Die türkische Mafia will ihn ausschalten, während der Verfassungsschutz Beobachtungsposten bezieht. Der Thriller – Buch: Kadir Sözen, Regie: Ben Verbong – kann beginnen.

Und es zeigt sich, dass es nicht einfach ist, einen Thriller mit einer türkischen Familiengeschichte in der Parallelgesellschaft zu verknüpfen. Protagonist Metin möchte im Grunde nach Art des wagemutigen Einzelkämpfers seinen Rachefeldzug durchführen, wird aber von seiner Familie daran gehindert. Da ist der kleine Sohn, dessen „Papa!“ den Mann ebenso an sein Zuhause fesselt wie die Tränen der Mutter und die Vorhaltungen des Bruders. Es hängen zu viele familiäre Fußfesseln an Metin, als dass er sich geradewegs in die Heldenklasse vorkämpfen könnte. Zwischendurch schafft er es bis nach Istanbul, an der Seite einer schönen Sabine (Suzan Anbeh), die sich als Reporterin ausgibt und ihm Infos verspricht. Während der Recherche prüfen beide gegenseitig ihre Toleranzgrade. Auf die gesteinigten Frauen, die sie aufbietet, kontert er mit den pädophilen Priestern. Lange Blicke. Doch die zarten erotischen Vibrationen dürfen sich nicht entwickeln, weil … ja nun, die Familienehre. Die Mafia legt weiter Bomben, kauft Killer, veruntreut Gelder.

Sowohl Clanstruktur als auch Ehrbegriffe einer traditionellen türkischen Großfamilie stehen dem Einzelkämpfertum des herkömmlichen Thrillers hart entgegen. Da müsste auch die Parallelgesellschaft erst den sogenannten Individualismus ausbilden, ehe sie – im Film wie im Leben – einen Metin allein gegen die Mafia kämpfen lassen könnte. Es ist – filmhistorisch gesehen – ein Verdienst von „Takiye“, dies deutlich gemacht zu haben.

Im Grunde führt Metin einen Zweifrontenkrieg: gegen die Bösen und gegen die eigenen Leute. Das einzige, was er mit dem klassischen Helden gemein hat, sind die Wunden in seinem Gesicht, denn er schlägt sich oft. Es sind die Male einer wütenden Entschlossenheit.

„Takiye – Spur des Terrors“, ARD, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben