Medien : Tick, Trick, Trug

Reinhard Siemes

Es fing alles so liebenswert und harmlos an. Mal zeigten die Werbemotive von Benetton das Zusammenleben von Menschen verschiedener Hautfarben, mal Nonnen und Mönche, mal Junge und Alte – das Leben halt.

Dann wurde Luciano Benettons Hausfotograf Oliviero Toscani von einer inneren Berufung ergriffen. Er lichtete Aids-Kranke im Endstadium ab, verreckte Kovoso-Albaner, Drogensüchtige und schließlich Todeskandidaten aus US-Haftanstalten. Auch das ist Leben, zumindest ein böser Bestandteil desselben.

Die Frage ist nur: Was haben Schocker dieser Art mit T-Shirts, Pullis und Kinderkleidung zu tun? Und ist es nicht seltsam, wenn sich ein 67-jähriger Pullimacher der Grausamkeiten dieser Welt annimmt und gleichzeitig für Millionen von Euro die Rennstrecken dieser Welt mit Formel-1-Boliden beschickt? Das alles wirkt sehr nach einem Mann, der zu viel Geld hat, das möglichst niemand erben soll. Inzwischen hat er sich mit seinem Blutfotografen Toscani auseinander- gelebt. Aber sein Drang nach textiler Öffentlichkeit zu Lasten von menschlichen Opfern aller Art ist geblieben. Auf Plakatwänden zeigt er jetzt einen Farbigen mit einem Armstumpf, an dem ein Löffel montiert ist. Gleichzeitig erhebt er sich zum Apostel der Hungernden: „Food for Life“. Wie erwartet und gewünscht hat er damit wieder eine Vielzahl von Protesten ausgelöst.

Aber er kann sich sicher sein, dass weder der Deutsche Werberat noch religiöse Eiferer gegen ihn vorgehen werden. Bereits im Dezember 2000 hat das Bundesverfassungsgericht seine Kriegsopfer und Todeskandidaten abgesegnet: „Ein vom Elend der Welt unbeschwertes Gemüt des Bürgers ist kein Belang, zu dessen Schutz der Staat Grundrechtpositionen einschränken darf.“ Will sagen, wir alle sind so gut drauf, dass uns Hosen, an denen Reklame-Blut klebt, am Hintern vorbei gehen. Hoffentlich tun sie es auch bei den Leuten, die sich eben diese Hosen kaufen wollen.

Solange Luciano menschliches Leid miss- braucht, um seine wohlfeilen Textilien loszuwerden, sollten alle Bundesbürger einen großen Bogen um die Läden mit den grünen „United Colours“ machen. Daran dürfen auch die kuscheligen Teddybären nichts ändern, die er vor einem Jahr produzieren ließ. Sie beweisen allenfalls, dass er ein Irrer ist, der allerdings kalkuliert vorgeht. Mal im Kosovo, mal in US-Todeszellen, mal in Nigeria. Und gern auch auf dem Nürburgring. Hauptsache, man redet über ihn. Als Nackter ist er bereits aufgetreten. Warum nicht demnächst im hauseigenen Tanga als männliches Boxenluder?

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