Tiefenscharfe Analysen : Klaus Hartung wird 70

Klaus Hartung feiert runden Geburtstag. Mit seiner stupenden Sprachkraft und eindringlichen Intellektualität hat er ein tiefenscharfes Bild des Wegs Berlins aus der chaotischen Mauerfall-Stadt zur anerkannten Hauptstadt gegeben.

Klaus Hartung.
Klaus Hartung.Foto: Ullstein – Lengemann

Dass die Bewegung das Ziel sei, gehört zu den alten Weisheiten des Reformismus. Könnte man Ähnliches nicht auch von manchem Leben sagen? Klaus Hartung begann als 68er, den Begriff so weit und so anspruchsvoll wie möglich gebraucht. Aber die für diese Generation notorische „langdauernde Jugend im linken Ghetto“ – so der Titel eines 1978 erschienen Kursbuch-Artikels von ihm – hat er lange hinter sich gelassen. Und ist zu einem Autor geworden, der dem journalistischen Alltag Genüge tut und zugleich den Finger hoch sensitiv im Wehen des Zeitgeistes hat, oft – eine rare Fähigkeit – beides in einem. Zunehmend ist die Stadt, ist Berlin dabei ins Visier seines Interesses geraten. Die zurückliegenden zwei Jahrzehnte der Entwicklung der Stadt seit der Wende, dieser unvergleichliche, dramatische Zeitraum, haben in ihm einen brillanten Beschreiber und phantasievollen Deuter gefunden. Mit seiner stupenden Sprachkraft und eindringlichen Intellektualität hat er – zumeist als Berlin-Korrespondent der „Zeit“ – ein tiefenscharfes Bild dieses Wegs aus der chaotischen Mauerfall-Stadt zur anerkannten Hauptstadt gegeben. Oft genug hat er, ein Eigner entschiedener Meinungen, auch der Stadt und ihren Bewohnern kräftig ins Gewissen geredet, Klärung und Umdenken eingefordert; bekanntermaßen gab es auf der Strecke genügend Gefahrenpunkte. Das Bekenntnis zur Stadt, zur europäischen Stadt, und die Option für eine urbane Gesellschaft sind dabei das vielleicht überraschende Ergebnis. Denn Hartung hängt ja durchaus an der „Hauptstadt der Melancholie“, die er im Vorwende-Berlin gesehen hat, und der Blick auf die Gegenwart ist für ihn – wie er formuliert – „nach vorn gewandte Archäologie“. Auf diese Weise ist der einstige Linke, der auch eine Affäre mit der offenen Psychiatrie in Italien hinter sich hat, ziemlich nahe bei dem Leitbild einer liberalen Gesellschaft gelandet – Leitbegriff Bürgernation. Von seinem Urteil haben auch die Leser des Tagesspiegel dann und wann profitiert. An diesem Sonnabend wird Klaus Hartung, der auch mit Ehrgeiz als Maler tätig ist, 70 Jahre alt. Rdh.

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