Tiere im TV : Zum Schein trächtig

Tierkompetenz, Kindchenschema: Warum Magazine über Pinguine, Hunde und Elefanten so gut laufen.

Dörthe Nath
Tiere
Tierisches aus Hamburg: Ein Pfleger bei der Arbeit in "Leopard, Seebär & Co.". -Foto: NDR

Wenn Tier-Telepathin Susanne Hühn sich mit dem Schutzengel eines Hundes verbindet, dann ist die Analyse der Aura des Frauchens inklusive. Und die Aura der Anruferin hat sich so verändert, dass ihr Hund sich in dem Energiefeld nicht mehr zurechtfindet. Das ist Lebenshilfe auf Tier TV – ein neuer Spartenkanal, der bislang nur über Satellit zu empfangen ist. Wenn man dem Motto der Internetseite Glauben schenkt, dann will Tier TV vor allem zur seelischen Gesundheit seiner Zuschauer beitragen. „Die Kenntnis der Tiere ist eine Voraussetzung für die Selbsterkenntnis der Menschen“, heißt es da. Ein Zitat des Tierfilmers Bernhard Grzimek. Aber statt Grzimeks bedeckter Stimme, die den Jagdinstinkt des Leoparden erklärt – nicht ohne die Gefahr zu erwähnen, die hinter diesen Bildern für den Filmemacher lauern–, gibt es bei Tier TV eine Talkshow mit Tierarzt zum Thema Scheinträchtigkeit, Joy Flemming, die mit ihrem Gelbstirnpapagei um die Wette singt und jede Menge Sprachspiele: den „Kultiertipp“, das Magazin „Entertierment“, die Quizshow „tierisch schwierig“.

Das Ganze ist der Versuch, auf einen Trend aufzuspringen, von dem die etablierten Sender schon länger profitieren. Seit knapp zwei Jahren sendet die ARD nachmittags erfolgreich Zoo-Dokumentationen aus verschiedenen Städten. Mit den Geschichten über das widerspenstige Lama Horst oder das Pinguinjunge, das zum ersten Mal mit den Großen Fisch essen darf, erreicht die ARD bis zu zweieinhalb Millionen Zuschauer – das bringt einen Marktanteil von 18,3 Prozent (das ist der Durchschnitt der Staffeln von „Elefant, Tiger & Co.“ aus dem Leipziger Zoo). Das ZDF hat nachgezogen und schickte mit den „Berliner-, Ruhrpott- und Ostsee-Schnauzen“ ein ähnliches Format mit nicht ganz so großem Quotenerfolg auf Sendung (zwischen zehn und elf Prozent Marktanteil).

Der Privatsender Vox hat gleich fünf Tiersendungen im Programm. Vom Magazin „Hundkatzemaus“ mit der Tier-Nanny bis zur Tierarzt-Doku „Tiere, Menschen & Doktoren“ (6,5 bis 7,6 Prozent Marktanteil seit Jahresbeginn). Es ist eine alte Journalistenweisheit, dass Kinder und Tiere sich gut verkaufen. Und Vox setzt sie mit dem neuesten Format seit drei Monaten konsequent um: Das „Wilde Kinderzimmer“ ist eine Sendung nur über „süße Tierbabys“. „Die größte Tierkompetenz unter den Privatsendern“, nennt das eine Sprecherin des Privatsenders. Gebühren finanziert gibt es allerdings auch große Augen von kleinen Tieren zu sehen – ob Giraffe, Zebra oder Angler Sattelschwein. Dabei ist das Kindchenschema nur ein Erfolgsrezept. Das andere: Es menschelt und zwar nicht zu knapp. In den Zoo-Dokus ist es die Beziehung zwischen Pfleger und Tier, in der Tierarzt-Doku das Leiden der Tierbesitzer.

Aber vielleicht ist etwas anderes beim Medienphänomen Tier-TV viel wichtiger: Das Tier als eine Art Leinwand, auf der sich die existenziellen Geschichten erzählen lassen: die von Liebe und Fortpflanzung, Trennung und Einsamkeit. Und das ohne menschliche Dreingaben, die einem das Einfühlen erschweren. Keine zu teure Uhr, keine zu kurze Hose, keine unpassende Frisur. Genug Platz für die Identifikation vieler.

Anders die Zeitschrift „Dogs“. Das Hochglanz-Hundemagazin behandelt zwar die Themen, die in jedem ähnlich platzierten Heft über Menschen ebenso wichtig sind: Mode, Fitness, Psychologie, Promis und Schicksale – der Hunde versteht sich. Aber eben mit Stil und Status: Aufwendige Fotostrecken, Einkaufstipps für den anspruchsvollen Hundebesitzer. Und so erscheint es nur folgerichtig, dass die Mitarbeiter der Wohnzeitschrift „Decoration“ mit der Einstellung des Heftes Ende August zu „Dogs“ wechseln, wie die Branchenzeitschrift „Kontakter“ berichtet. „Dogs“ ist eben der Hundetitel auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Zuletzt verkaufte er sich immerhin 52 000-mal (Verlagsangaben Gruner & Jahr).

Zurück zu Tier TV. Der Spartenkanal hat nicht nur die Hundebesitzer im Blick, sondern alle Haustierhalter. Etwa ein Drittel der deutschen Haushalte also, wenn man die Zahlen des Industrieverbands Heimtierbedarf zugrunde legt. Bislang erreicht der Sender nach eigenen Angaben 10 000 Zuschauer und das sollen mehr werden, wie Sprecher Heiko Starck sagt. Tier TV ist auf dem Weg ins Kabelnetz. Die ersten Verträge seien schon geschlossen. Im Gegensatz zum Magazin „Dogs“ ist bei Tier TV der Charme des Unperfekten allgegenwärtig. Die Kamera läuft, während die Moderatorin noch ihren Text übt, die Bilder passen nicht zum Text, und wenn der Moderator einleitend sagt: „Wir haben uns wieder viel Mühe gegeben“, dann klingt das wie ein schlechtes Arbeitszeugnis. Wenn der Leitspruch zur Selbsterkenntnis des Menschen über das Tier stimmt, dann kann der Sender der Tierfreunde nur besser werden. Tier-Telepathin Hühn jedenfalls findet für das Problem ihrer Anruferin eine einfache Lösung: Eine Höhle im Wohnzimmer soll das Energiefeld des Hundes wieder herstellen. Alles wird gut.

„Leopard, Seebär & Co.“, ARD, 16 Uhr 10

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