Medien : Titanic an der Ruhr

In einem Essener Schwimmbad verfilmt Nico Hofmann für RTL die Hamburger Sturmflut

Markus Ehrenberg

Die Nacht auf den 17. Februar 1962. Von Island her erreicht das Tief „Vincinette“ mit Windstärke 13 die Elbmündung. Sturm und Flut vereinigen sich. In Hamburg brechen 60 Deiche. 315 Menschen sterben. Am schlimmsten trifft es den Stadtteil Wilhelmsburg. Das Hochwasser steht dort fünf Meter über Normalnull.

Ganz so viel sind es in diesen Tagen, 42 Jahre später, am Essener Baldeneysee nicht. Das wäre auch viel zu gefährlich für Benno Fürmann, Jan Josef Liefers und Nadja Uhl. Doch auch denen reicht das Wasser bis zum Hals, jobmäßig. Die Schauspieler stehen bis März 2005 für eines der aufwendigsten Projekte in der Geschichte des deutschen Privatfernsehens vor der Kamera: dem RTL-Zweiteiler „Die Sturmflut“.

Acht Millionen Euro Budget, darunter 1,5 Millionen Euro für Spezialeffekte und eine hochkarätige Besetzung. Neben Fürmann, Liefers, Uhl sind noch Götz George, Heiner Lauterbach, Natalia Wörner und Hannelore Elsner dabei . Es ist ein ziemlich mutiges Projekt, dass teamWorx-Produzent Nico Hofmann mit seiner Mannschaft da angeschoben hat. Immerhin: TV-Stoffe aus der jüngeren Vergangenheit laufen gut. Nach dem „Tunnel“, der Oetker-Entführung sowie den Wundern von Bern und Lengede lag es für Hofmann nahe, die schwerste Naturkatastrophe der deutschen Nachkriegszeit zu verfilmen. „Die Sturmflut hat 1962 eine Welle von Mitgefühl in der Bevölkerung erzeugt. Das ist ein aktuelles Thema, denken Sie an die Stimmung bei der Oderflut 2002 oder auch jetzt an Hartz IV, wo es wieder darauf ankommt zusammenzustehen.“ Die größte Erinnerung an 1962 sei die Solidarität, das habe ihm Helmut Schmidt versichert, den Hofmann vor Drehbeginn besucht hat. Der heute 85-jährige Ex-Kanzler wurde bei der Sturmflut als damaliger Hamburger Innensenator zum umjubelten Krisenmanager.

Schmidt? Da war doch noch was. Genau, eigentlich sollte Harald Schmidt die Rolle des Retters übernehmen. Die Sache wurde schon als perfekt gemeldet, dann kam die Absage. Und Gerüchte, dass es dabei unschöne Telefonate zwischen der Produktion und dem Weltreisenden gegeben habe. „Alles Quatsch“, sagt Nico Hofmann. „Harald Schmidt hätte wegen seiner neuen Aufgaben auch öfters am Wochenende drehen müssen, das wäre dann einfach zu teuer.“ Jetzt spielt Christian Berkel Helmut Schmidt.

Und auch so ist die Aufmerksamkeit für die „Sturmflut“ groß. Oder: Sie wird groß gemacht. Spektakuläre Katastrophe, spektakulärer Drehort, dazu ein spektakulärer Pressetermin bei Essen. Wer sich dort am vergangenen Freitag einen nachgebauten, überfluteten Wilhelmsburger Straßenzug ansehen wollte, bekam – Journalisten als Froschmänner – Anglerhosen übergestreift und durfte sich im brusthohen Wasser von den Bauten überzeugen. Am Bredeneysee wurde ein früheres Freibadbecken mit sechs Millionen Litern Wasser gefüllt. Ein Hauch von „Titanic“ am Niederrhein. Erzählt wird das Schicksal zweier Familien, das Autor Holger Karsten Schmidt mit den dramatischen Ereignissen während der Flutkatastrophe verknüpft hat. 50 Prozent Fiktion, 50 Prozent Authentizität – so soll es mithilfe von Zeitzeugen bestenfalls werden. „Es sieht hier alles genauso aus wie damals“, sagt Bernd Hauber, der im Februar 62 im Hubschrauber einige der insgesamt 1100 geretteten Menschen vom Dach geholt hat. Hauber darf nun im Fernsehfilm quasi sich selbst spielen. Neben ihm am Set 400-PS-Windmaschinen und darunter im Becken, im brackigen Wasser: Boote, eine gesprengte Apotheke, ein abgesoffenes Lkw-Wrack, Bäume, Schläuche, Laternen, aufgerissene Häuserwände, der Blick in verwüstete 60er-Jahre-Wohnzimmer. Am heutigen Montag werden die ersten Rettungsszenen vom Dach gedreht.

Was der Zuschauer Anfang 2006 im Fernsehen nicht sehen wird: die Mühen der Schauspieler. Arbeiten im Wasser, mitten im Dezember, immer wieder rein, zehn Stunden am Tag, oft nass bis aufs Hemd. Das Wasser darf nur so weit geheizt werden, dass es trotz der Wintertemperaturen nicht dampft, wenn gedreht wird, höchstens auf 20 Grad. Bei Außentemperaturen von höchstens fünf Grad. Erkältungsgefahr für die Schauspieler, trotz Whirlpool im Zelt nebenan. Nadja Uhl, in Pumps und Nylonstrümpfen, spricht von „der größten körperlichen Herausforderung“ ihres Lebens. Bei Benno Fürmann, eh schon Experte für deutsche Historie und „Mega- Events“, siehe „Nibelungen“, weiß man gar nicht, wo unterm Anzug und überm Körperpanzer noch schützender Thermostoff hinsoll. Überall Muskeln, sogar im mutigen Blick. Mehr Körper als Fürmann geht gar nicht. Regisseur Jorgo Papavassiliou kennt sich auch gut aus mit Körpern, Special Effects und Wasser. Er hat gerade „Hai-Alarm auf Mallorca“ gedreht.

Nach Mallorca nun ein See in Essen. Gleich müssen Schauspieler und Team wieder raus ins frostige Wasser. Im neuen Jahr geht es weiter, an Originalschauplätzen in Wilhelmsburg. Flutwellen und Gasexplosionen kommen aus dem Computer. Es ist das größte fiktionale Projekt, das sich RTL jemals geleistet hat. Schon auch ein Risiko. Nico Hofmann ist überzeugt, dass sich die mit Drittmitteln, unter anderem von der Filmstiftung NRW, geförderte Produktion im Ausland verkaufen lässt, genauso gut wie der „Tunnel“. Und teamWorx sitzt schon wieder über deutscher Geschichte und weiteren „TV- Events“. Als Nächstes kommen die Bombardierung von Dresden und die Berliner Luftbrücke dran. Da muss man wenigstens nicht dauernd ins Wasser.

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